März 2022 (Teil2) - In Verbinung

Nach Tschernihiw:

Immerhin gibt es noch Internet. Wer hätte gedacht, dass das Internet als Letztes ausgeht. Fließendes Wasser gibt es in Tschernihiw schon lange nicht mehr. Das Essen ist knapp, aber zumindest vorhanden. Aber ohne Wasser, ohne Strom fällt die Zubereitung nicht leicht. Rohkost, kalter Dosenfraß, Brot – seit einigen Tagen schon. Wasser muss geholt werden. Wo genau es herkommt, aus geheimen Brunnen oder einem streng regulierten Reservoir, weiß ich nicht. Switlana meldet sich nicht oft bei Ganna, und wenn sie sich meldet, gibt es wenige Details. 

Am dritten Tag der Invasion, als der russische Vormarsch im ersten Schock noch unaufhaltsam scheint, versucht Ganna nicht einzuschlafen, weil ihre Freundinnen, aber allen voran Switlana immer wieder schreiben, beschreiben, wie um sie herum überall Bomben fallen – sie können es hören und fühlen, manche sehen sie sogar als Lichtblitze durch Fenster – und sie bitten übers Handy bei ihnen zu bleiben. Switlana sagt, dass sie wohl sterben wird. Sie sagt es mehr als einmal. Ganna verspricht, bei ihnen zu bleiben, immer gleich zurück zu schreiben. Am Morgen leben alle noch – nicht alle, die Freundinnen, andere Ukrainer sind viele gestorben. So geht es einige Tage – der Tod als Gewissheit. 

Irgendwann verliert der Lärm der Bomben ein wenig an Schrecken. Das stimmt nicht. Es sind nicht die Explosionen, die weniger furchtbar werden, sondern es sind die Nerven und Hirne, die weniger Furcht empfinden können, die zu erschöpft sind, sich ständig zu fürchten. Aber Angst, nicht Furcht, Angst, eine durchgängig auf den Schultern lastende, bleibt. Als an einem Tag Tschernihiw besonders stark unter Beschuss steht, bricht der Kontakt ab. Switlana meldet sich zwei Tage gar nicht. Ganna weint nicht um ihre Freundin, aber sie sagt, dass sie befürchtet, sie sei tot. Sie sagt es erschreckend gefasst und ich weiß, dass sie sich nicht erlauben will, die Fassung zu verlieren – Die Fassung wie Klebeband. 

Dann ein Lebenszeichen, eine kurze Nachricht. Das Telefon war leer und Strom gibt es nicht mehr in Tschernihiw, aber jetzt gerade habe man ihr eine Powerbank gebracht. Volontärinnen laden Powerbanks für die Handys der Bewohner an Generatoren auf und verteilen sie in der Stadt, laufen von Haus zu Haus, obwohl sie lieber auch im Keller gewesen wären, einen Meter Beton über sich und dem Himmel gehabt hätten. Sie halten die Verbindung der Stadt zur Außenwelt aufrecht. Sie verbinden die Herzen der Menschen im Keller mit denen der Bangenden. So vergehen die Tage, vergeht der März in Tschernihiw – unter Beschuss, irgendwann gänzlich umzingelt. 

Alles wird jeden Tag noch ein wenig schlimmer. Fluchtkorridore werden einer nach dem anderen geschlossen und als die Russen behaupten neue Routen zu öffnen, geraten die Fliehenden unter Beschuss. Keine Flucht, kein Entkommen – hier wie vielerorts. Switlana und ihre Mutter haben mittlerweile vier Katzen und einen weißen Hund. Sie wurden zurückgelassen, haben sich verlaufen und in Panik verkrochen, gingen ihren Besitzern verloren oder umgekehrt. Ohnmächtig dem eigenen Schicksal gegenüber kümmert Switlana sich um noch schwächere Kreaturen als sie selbst eine ist, als die sie sich fühlt. Schmutzig (waschen kann man sich nicht ohne Wasser), todmüde, hungrig, durstig, zitternd, fühlt man sich schnell kaum noch als Mensch, wären da nicht diese Tiere, die es mit Menschlichkeit zu schützen gilt, und gäbe es nicht die Mutter, die man liebt, und die Worte der Freundinnen auf dem Bildschirm. Aber lange kann es nicht mehr so weitergehen. Die Vorräte gehen zur Neige und Bomben hören einfach nicht auf zu fallen. 

Eine Brücke gibt es noch, erzählt sie Ganna. Die Brücken aus dem Osten hat die ukrainische Armee vor dem Vormarsch der russischen Panzer gesprengt und die Brücken aus der Stadt heraus nach Westen sind der russischen Artillerie erlegen. Nur eine steht noch. Heute Nacht, sagt Switlana, wird sie versuchen, mit ihrer Mutter und allen fünf Tieren Richtung Kyjiw zu entkommen. In dieser Nacht liest Ganna, dass die letzte Brücke zerbombt sei und dass es nun keinen Weg aus Tschernihiw hinaus mehr gäbe. Sie hört es nicht von Switlana. Sie hört überhaupt nicht von Switlana. Die meldet sich nicht mehr. Es ist still geworden. Es gibt kaum noch Nachrichten aus der Stadt. Die Bürger von Tschernihiw schweigen in ihren Bunkern und Kellern. Wieder befürchten wir, Switlana sei gestorben, und wieder erreicht Ganna nach zwei oder drei Tagen doch eine Nachricht. Handy aus – Powerbank von einer Volontärin bekommen. Aus der Stadt heraus geschafft hat sie es nicht. Aber sie lebt und hat Wasser geholt. 20 Liter Wasser hat sie mehrere Kilometer weit getragen. Sie scherzt, dass sie nach dem Krieg Gewichtheberin werden will. Training hätte sie jetzt genug. Switlana ist am Leben und sie scherzt. Sie scherzt. Tschernihiw hält stand.

Peter Huemer