März 2022 (Teil1) – Im Keller auf weiter Flur (UKR)
Ich muss zumindest im Geist Wien, dieses Haus, diesen Schreibtisch verlassen. Ich muss die Täglichkeit dieser Chronik hinter mir lassen, obwohl ich weiterhin eine gewisse Chronologie beibehalten möchte. Es ist einfach zu viel passiert, zu viele Tage sind vergangen und sie vergehen schneller als ich schreiben kann. An die ersten Tage kann ich mich gut erinnern. Jedes Gespräch hat sich eingebrannt. Ich kann sie verorten. Aber dann irgendwann eine Woche nach Kriegsbeginn verschwimmt alles, obwohl es eigentlich näher ist am Jetzt. Ich schnappe nach den Ereignissen und sammle sie ein, verbinde sie mit Gesprächen und Gedanken und von nun an baue ich daraus diese Chronik. Vielleicht ist das eine später oder früher geschehen, als ich behaupte – das ist egal. Ich schreibe Geschichten, nicht Geschichte. Außerdem habe ich genug davon, mich darüber zu beklagen, dass ich nicht genug für die Ukraine tun kann, und ich habe genug davon, mich daran zu erinnern, wie ich mich deswegen gräme. Also hinaus. Ich nehme Gannas Worte und ihre Berichte an der Hand und nehme sie mit mir.
Nach Kyjiw:
Meine Schwiegereltern sitzen nicht im Keller, obwohl sie sollten. Ganna bittet sie, vorsichtig zu sein, aber sie beschwichtigen. Wenn der Alarm zu heulen beginnt, ist immer noch ein paar Minuten Zeit. Ungefähr 10-15 Minuten – ja. Genug Zeit, um die Stiege hinunter zu eilen, raus bei der Haustür und zum nahegelegenen Keller. Diese Nachricht, das schriftliche Gespräch über den Alarm, fand am 5. Tag statt. Am ersten Tag und am zweiten saß man noch ständig im Keller und horchte in die Welt hinauf. Jedes Geräusch gewiss eine Rakete. Es waren die Tage der Fallschirmjäger – ihre letzten. Man erzählt uns, dass überall in der Stadt Soldaten zu landen versuchten. Sie blieben erfolglos, abgeworfen in die Höhle des Löwens. Man erzählt uns, man habe sie „vernichtet.“ Wieder dieses Wort. Wir kennen niemanden, der tatsächlich am Feuergefecht in jenen Tagen beteiligt gewesen wäre. Aber Augen und Ohrenzeugen gibt es genug. So wie die Schwiegereltern sich an die Bomben gewöhnt haben (zumindest behaupten sie es ihrer Tochter gegenüber), so haben die Hunde gelernt, ihre Geschäfte rasch zu erledigen. Der Hund meiner Schwiegereltern ist es gewöhnt, abends eine Stunde spazieren zu gehen. Drei Minuten müssen jetzt reichen.
Am 6. Tag schlägt eine Rakete im Nachbarhaus ein. Nein nicht genau das Nachbarhaus, stellen die Schwiegereltern richtig: Noch ein Haus weiter. Sasha, ein Kindheitsfreund Gannas, hat sich ein Auto geborgt. Er benutzt es, um täglich mehrmals durch die Sperrzone, die Gefahrenzone unweit der russischen Positionen zu fahren und Menschen aus der Stadt zu schaffen. Wer weg will, wendet sich an Sasha. Wie oft er diese Fahrt gemacht hat, weiß ich nicht. Ich muss Ganna fragen, ob sie was weiß und ob es ihm gut geht. Nach einer Woche scheint es, als stünde der Großangriff kurz bevor. Der Beschuss nimmt zu, ein Konvoi von russischen Panzerfahrzeugen staut sich auf der Einfallsstraße von Norden her. Aber es rührt sich nichts. Zurück in die Wohnung, ein paar Nächte im eigenen Bett. Abwechselnd hält man Wache, um keinen Alarm zu verschlafen. Mittlerweile haben wir beinahe gänzlich aufgehört, die Schwiegereltern zu Flucht überreden zu wollen. Das kommt für sie gar nicht in Frage. Auch weil mein Schwiegervater 59 Jahre alt ist. Ein Jahr zu jung, um das Land verlassen zu dürfen. Aber auch aus Kyjiw wollen sie nicht raus. Sie wollen helfen, tun, was sie tun können. Zum Territorialschutz. Man wird einen 59-Jährigen nicht unbedingt mit dem Gewehr in den Straßenkampf schicken, solange es nicht unbedingt nötig ist, vor allem, da er hochqualifiziert ist und es ja auch organisatorisch und administrativ viel zu tun gibt. Das ist ein Hoffnungsgedanke – mein eigener. Ich teile diesen Gedanken nicht mit Ganna. Gannas Mutter schickt ihr ein Foto von einem riesigen Topf Suppe. Borschtsch für die Soldaten. Sie wird all ihre Tupperware Behälter füllen und die Rationen verteilen. Ich erinnere mich an ihren Borschtsch – grün oder rot, beides wunderbar.
Das Molotovcocktailmixen der ersten Woche endet irgendwann zumindest in Kyjiw. Die Russen wagen keinen Frontalangriff, ihre Luftlandetruppen wurden „vernichtet“ und gegen Artillerie und Raketen helfen keine Brandbomben. Man hat so viele gemacht, dass man jetzt mehr hat, als man werfen könnte. Dann wurden Tarnnetze gewoben, für die Soldaten außerhalb der Stadt, damit sie nicht ganz schutzlos sind in den lichten Wäldern und den weiten Wiesen. Die U-Bahnen sind zu Schlafsälen und Fabrikshallen geworden, zu Kindergärten und Krankenhäusern. 2022 statt 2033 und auch noch die falsche Stadt. Ich ertappe mich dieser Tage immer wieder dabei, mir Moskau in Schutt und Asche vorzustellen. Ich hoffe, das macht mich nicht zum schlechten Menschen – irgendwie fühle ich mich so. Ich freue mich über Bilder von ausgebrannten russischen Panzern. Ich freue mich über die Leichen der Feinde. Ich freue mich, weil diese Panzer und diese Soldaten nicht mehr in der Lage sind, meine Schwiegereltern, meine Familie zu ermorden. Kyjiw hält stand.