25. Februar 2022 - Löschfantasien
Es ist 5:30 in Wien, Penzing am Rande der Stadt. Weil es noch nicht hell ist und weil mir noch schlechte Träume nachhängen, umarme ich eine Minute lang Rudi, den Hund, der sich vor meinem Bauch auf der Decke streckt. Ganna hat unsere Rucksäcke schon gepackt. Sie hat nicht geschlafen. Das Licht ihres Handys ist in den letzten Stunden nie erloschen. Das Gerät vibriert unaufhörlich, und wenn es das tut, lässt sie alles stehen und liegen und greift danach, starrt auf den kleinen Bildschirm, und ich sehe in ihrem Gesicht, dass sie keine guten Nachrichten bekommt.
Es ist eiskalt draußen. Drinnen auch, weil ich die Heizung voreilig, den Frühling erwartend, schon zurückgedreht habe. Ich denke an nichts außerhalb meiner fröstelnden Füße und der Müdigkeit hinter meinen Augen. Ich denke nicht einmal an die Nachrichten auf Gannas wütendem Handy oder an ihre Eltern im Keller in Kyjiw. Es gibt viel zu tun. Für Verzweiflung ist später noch genug Zeit und eigentlich habe ich gar kein Recht zu verzweifeln oder mich zu fürchten – ich im Bett hier in Penzing.
Es ist noch Zeit für eine Tasse Kaffee. Die Kaffeemaschine verlangt seit Wochen entkalkt zu werden. Das wird nicht geschehen. Das Entkalkungsmittel, das mit dem Gerät mitgeliefert wurde, ist beim Auspacken ausgelaufen. Ganna hat das beschädigte Fläschchen weggeworfen und ich weiß, dass ich kein neues kaufen werde, solange die Maschine funktioniert. Der Kaffee ist gut, kalkhaltig bestimmt. Ich wecke den Computer, ORF.at, Spiegel.de, nichts was Gannas Handy ihr nicht schon in den Stunden der Nacht verraten hätte. Sie wird es mir erzählen, aber ich lese es trotzdem, scrolle bis untern – refresh und von vorn.
In meinem Rucksack: Taschenlampe, Klopapier, Wasser, ein T-Shirt, eine Unterhose, Handschuhe. Nichts davon werden wir wirklich brauchen. Gannas Rucksack: Wasser, Laptop, Reisedokumente, Geld. Im Auto liegen noch die Decken aus Italien und ein paar Sachen aus der Slowakei – Liptovský Mikuláš, wo Ganna und mein Schwiegervater die Hunde aufhoben und mit ihnen im Arm für die Kamera posierten. Auf dem Bild lachen sie, die Hunde sind irritiert und hinter ihnen die Hochebene, weiter noch dahinter die Berge.
Die Fußmatte des Beifahrersitzes ist nass. Das Auto ist undicht. Baujahr 2006 – da kann das schon vorkommen. Mich kümmert es nicht und Ganna hält es aus. Zwischen ihren Beinen der Rucksack und sehe, dass sie ihn verkrampft zwischen die Oberschenkel klemmt, als könne er ihr entlaufen. Ich richte die Spiegel und enteise die Scheibe. Ich richtige die Spiegel erneut, weil sie sich seit neuestem bei abgeschaltetem Motor immer wieder verstellen. 6:00, der Hund hat uns hinterher geweint. Am Samstag allein zu sein ist Rudi nicht gewöhnt. Die Ö3 Nachrichten: Krieg in der Ukraine – ich drehe den Ton ab. Wir werden dieselben Berichte immer wieder vorgelesen noch oft hören auf dieser Fahrt.
Ich versuche unser Ziel ins Navigationssystem einzugeben, aber die Slowakei gibt es nicht in der Datenbank, genauso wenig wie Ungarn. Es liest seine Daten von einer CD – Baujahr 2006 – und die zweite CD, jene für Osteuropa, kann ich nicht finden. Ganna tippt den Ort in Google-Maps ein, schließt ihr Handy an und sagt: „Erstmal durch Wien nach Osten, wie in die Arbeit. Dann Richtung Budapest.“ Ich nicke, sage, das wird kein Problem sein und fürchte mich vor den Wirren der Stadtautobahn, den unerbitterlichen Spuren und deren Wechsel. Aber um 6:30 am Samstag ist kaum jemand unterwegs. Trotzdem bin ich nervös, wenn ich auf die Uhr schaue. Wir sind jetzt schon hinter der Zeit. Der andere Fahrer ist uns schon eine Stunde voraus. Ich werde ihn nicht einholen, habe mir abgewöhnt, schnell zu fahren. Es ist bereits helllichter Tag, als wir die Grenze überqueren. Hier stehen keine Posten. Niemand kontrolliert unsere Pässe. Niemand steht Schlange. Nur die Schilder kann jetzt keiner mehr von uns lesen.
Ganna hängt an ihrem Schirm. Immer noch vibriert das Gerät, aber es muss sich mit niemandem um ihre Aufmerksamkeit streiten. „Kyjiw wird wieder bombadiert“ sagt sie. „Meine Eltern sind im Keller.“ Eine Weile Schweigen. Dann: „Wieder Fliegeralarm. Aber meine Eltern sind in der Wohnung.“ Schweigen. „Switlana schreibt mir. Sie versteckt sich mit ihrer Mutter unter der Badewanne.“ Ich frage sie, wie man sich unter einer Badewanne versteckt. Ist es eine freistehende Wanne mit Füßen? Wie hoch sind diese Füße, dass zwei Menschen darunter passen? Haben sie die Badewanne umgedreht? Oder haben sie sich in die Wanne gelegt und halten etwas über sich. „Ich weiß nicht. Das hat sie nicht erklärt“, sagt Ganna und schaut wieder aufs Handy. „Russen in der Stadt. Aber sie wurden vernichtet.“ Mir graut bei dem Wort: vernichtet. Aber ich sage: „Das ist gut.“ Sie sagt: „Ja, das ist gut.“ Und es erscheint mir wirklich eine gute Nachricht zu sein. Besser als Bomben, besser als Raketen. „Wieder Sirenen“, sagt Ganna. „Hmm“, sage ich. „Was sagt Google-Maps?“ „Noch 12 Kilometer, dann rechts halten.“ „Rechts halten oder rechts abfahren?“ „Weiß nicht.“ „Ist es eine Aufspaltung der Autobahn oder muss ich von der Autobahn abfahren?“ „Ich glaube die Straße teilt sich.“ „Danke.“ Ganna küsst mich auf die Wange und schaut zurück auf ihr Handy. „Wir haben einige russische Panzer zerstört.“ Gute Nachricht. Das sind die Ö3 Nachrichten – gerade noch in Sendereichweite.
Irgendwann nach Budapest fahren wir von der Autobahn und verirren uns im Labyrinth von Kreisverkehren. Zurück auf die Autobahn, fünf Kilometer in die falsche Richtung, abfahren, noch ein Kreisverkehr, auf die Autobahn, fünf Kilometer weiter, zurück ins Labyrinth und auf den richtigen Weg. Auf der Landstraße wird scheinbar überall der Straßenbelag erneuert. Baustellen, raue Wege ohne Asphalt und waghalsige Überholmanöver. „Wir haben ein Flugzeug abgeschossen. Die Russen haben versucht in Kyjiw zu landen. Man hat sie festgenommen. Die Soldaten sagen, dass sie gar nicht wüssten wo sie seien.“ Gute Nachricht. „Der andere Fahrer fragt wie lange wir noch brauchen.“ Ich weiß es nicht. „Ich weiß es nicht. Vielleicht 2 Stunden.“ Gannas Augen sind rot. Sie hat geweint in der Nacht und ist so unendlich müde. Meine Beine beginnen zu schmerzen. Nicht mehr weit. Drei Stunden später überqueren wir die Grenze in die Slowakei. Die Straßen mit jedem Kilometer ländlicher und ich werde nervös. Was erwartet uns an der Grenze? Ich sehe Menschenmassen vor mir – panisch, verletzt und vertrieben. Panik steigt in mir auf. Realität lässt sich ertragen.
„Ist der andere Fahrer schon dort?“ Ich nenne ihn den anderen Fahrer, weil ich mir seinen Namen nicht merke. Mein Gedächtnis ist so tief in germanischen Sprachen verankert, versumpft, dass es die vielen slawischen Namen der letzten Tage nicht behält. Orte und Menschen. Ganna weiß, dass es mir so geht und nennt den anderen Fahrer auch immer nur den anderen Fahrer. Ich schäme mich dafür. „Ja, er ist beim McDonalds und isst zu Mittag.“ Im Fast-Food Restaurant an der Grenze. Und auf einmal sind wir dort. Auf einmal stößt die Straße an eine andere, führt nicht mehr weiter geradeaus. Nach rechts geht es zum Grenzposten, nach links zu einem anderen oder tiefer in die Slowakei, wieder zurück nach Westen. Wir biegen rechts ab und parken uns hinter einen Transporter mit italienischem Kennzeichen. Als ich den Motor abstelle, kräht im Garten neben der Straße ein Hahn.
Noch wissen wir nicht, in welcher Richtung die Grenze liegt. Autos stehen in beide Richtungen, als irren wir umher, bis uns der andere Fahrer über GPS seinen Standort schickt. Er kommt uns entgegen und führt uns. Ein Auto neben dem anderen am Straßenrand, wo normalerweise kaum jemand parkt. Vier Polizisten kontrollieren die Kreuzung vor dem Grenzübergang. Sie sind entspannt. In einem Zelt wird warmes Essen ausgegeben und daneben stapeln sich kistenweise Hilfsgüter. Neben den Kisten hat man einige Stühle aufgestellt, damit die Geflüchteten einen Moment lang rasten können, aber kaum jemand sitzt. Auf den Stühlen liegen ungenützte Decken, obwohl es kalt ist. Alle stehen auf der Straße vor den Zelten in kleinen Grüppchen oder allein. Sie alle wenden der Slowakei den Rücken zu und schauen zurück in die Ukraine. Jeder wartet auf irgendjemanden und Ganna hält meine Hand. So nahe an der Heimat, aber die Grenze wagt sich nicht zu überschreiten, wir beide wagen es nicht. Nur wenige hundert Meter von uns beginnt Uschhorod. Ich habe die Stadt einmal in einem Film gesehen und Ganna wollte sie mir zeigen. Sie sagte, wir würden sie irgendwann besuchen. Momentan ist es dort noch sicher. Jetzt wäre unsere Chance. Aber nein.
Der andere Fahrer zeigt uns den Weg zum Zelt der Malteser, wo freiwillige Mitfahrmöglichkeiten registrieren. Man schreibt unseren Namen auf und schickt uns erst einmal fort. Ganna macht Fotos: von den Leuten, von ihrer Heimat hinter dem Grenzposten und von den Infotafeln. Sie postet die Bilder. Die Infos auf den Tafeln könnten für jene, die noch auf der anderen Seite warten, hilfreich sein. Ich stehe inmitten der Geflüchteten und fühle mich fehl am Platz und weiß nicht wieso. Ich gehe ein paar Schritte zur Seite und halte Gannas Rucksack, während sie sich mit anderen Helfern berät. Eine Flotte von Reisebussen wartet auf dem Zollparkplatz. Auf ihren Windschutzscheiben stehen die Namen aller großen Städte Europas.
„Wenn wir jemanden finden, der schnell nach Wien will, dann melden wir uns?“, sagt die Koordinatorin. Man braucht uns nicht wirklich. Zumindest braucht man das Auto nicht wirklich. Als wir am Freitag beschlossen zu fahren und sogar noch am Morgen, als wir uns auf den Weg machten, sagte man uns, dass dringend Fahrer gebraucht würden. Wir sollten dringend zur Grenze kommen, um Menschen nach Wien zu holen. Ich zweifelte daran, dass die drei Sitzplätze meiner Rückbank einen Unterschied machen würden, wo doch andere mit Kleinbussen fuhren. Aber jeder Platz macht einen Unterschied. Und der Gedanke etwas zu tun, nicht einfach nur da zu sitzen, neben Ganna, und tatenlos eine schlechte Nachricht nach der anderen zu registrieren, verschleierte die Sinnlosigkeit. Sinnlos ist es nicht. Jetzt sind wir da und wollen die wenigen Stunden, die wir hier verweilen können, nutzen. Lange können wir nicht warten, der Hund wartet, obwohl mittags eine Freundin von Ganna und abends einer meiner Schulfreunde zum Füttern bei uns zu Hause vorbei schauen. Also warten wir. Ganna unterhält sich mit dem anderen Fahrer und noch einem Ukrainer, der voller Selbstvertrauen und mit unbändigem Tatendrang in der Stimme immer weiter referiert. Er erzählt von seinen Plänen, dass etwas weiter nördlich noch ein Grenzübergang sei, bei dem man schauen könnte, ob jemand gebraucht wird, und sonst weiter nach Polen. Er spricht und spricht und obwohl ich ihn nicht verstehe, weiß ich, was er sagt. Er sagt wenig und rüttelt doch zum Handeln auf. Ein Macher, ein Helfer – dabei wütet es hinter seinen Augen und während er Gulasch aus einem Plastikcontainer isst, zittern seine Hände. Also warten wir – Auto. Wir könnten auch jemanden nach Bratislava oder Butapest mitnehmen, nicht nur Wien. „Wir melden uns, wenn wir euch brauchen“, sagt die Koordinatorin, klein, kaum 1,60, Mitte 20, blonde Locken und herlzliches Lächeln. Sie ist freundlich und spielt Dankbarkeit. Sie weiß, dass wir nicht gebraucht werden, und will uns Mut machen. Sie will uns, den aus Wien Hergefahrenen – aus der Sicherheit in die Sicherheit – Mut machen. Das ist ihr Job: Mut zu machen. Wir wissen das zu schätzen.
Wir sitzen wieder im Auto. Warten. Ganna liest Nachrichten. „Switlana fürchtet sich“, sagt sie. „Hmm“, sage ich. „Meine Eltern sagen, dass es ihnen gut geht. Arya ist sehr tapfer.“ „Das freut mich.“ Ich schalte Musik auf meinem Handy ein. Ich habe kein Internet in der Slowakei. Die Playlist hab ich zu Hause vorsorglich runtergeladen. Langsam geht die Sonne unter und ich rufe zuhause an. Meine Eltern wissen noch nichts von unserer Fahrt. Nach meiner Mutter rufe ich meinen Opa an – das Auto gehört ihm. Auf einmal beißt mich mein Gewissen, dass ich den Wagen so einfach ins Ausland entführt habe, obwohl ich ihn schon seit einem Jahr ununterbrochen bei mir in Wien stehen hab. Alle loben mich und fragen nach Ganna und ihren Eltern. Ich weiß nicht viel zu sagen, will nicht zu viel sagen, weil ich nicht weiß, wie sich Gannas Eltern wirklich fühlen und weil ich nicht weiß, wieviel Ganna von sich preisgeben will. Sie sitzt neben mir und scrollt. „Schlaf ein wenig. Wenn man sich meldet, wachst du schon auf.“ Sie sagt: „Du solltest auch schlafen, schließlich fährst du uns ja noch zurück.“ „Ich bin nicht mehr müde.“ Die ersten Reisebusse legen ab. Wien, Bratislava, Berlin und Budapest. Sie sind halbvoll. Man sagt uns, dass es sich auf der ukrainischen Seite der Grenze staut. Keine Ahnung, was da los ist. „Krieg“, sagt Ganna zu mir und nicht zur Koordinatorin. „Krieg ist da los. Natürlich staut es sich da.“ Sie beugt sich zu mir, während sie es sagt, obwohl wir miteinander Deutsch reden und die Koordinatorin gar nichts verstehen kann. Wieder ins Auto. Es wird dunkel und wir können nicht mehr warten.
Wir haben nicht genug getan. Wir durften nicht genug tun – irrationaler Gedanke. Aber ich bin müde und Ganna ist müde und wir fahren durch die Dörfer nahe der ukrainischen Grenze. Noch 630 Kilometer vor uns, 16 Stunden hinter uns und ich denke – warum durften wir nicht mehr tun. Ich hadere mit dem Organisationwillen und dem Organisationsgeschickt der Slowaken, weil ich vor mir nur die Dunkelheit der Dorfstraße und in Gedanken den Weg ohne Straßenbelag vor mir sehe. Aber das verfliegt und an die Stelle dieser merkwürdigen Enttäuschung tritt eine Wärme und Stolz auf die Kraft der Freiwilligen, die Zielstrebigkeit der Busfahrer und die Tapferkeit der Menschen, die geduldig und ohne Tränen auf Wartende warten – bis tief in die Nacht in der Kälte. Und auch ein wenig stolz auf mich selbst, weil ich auf ein Wort hin diese Reise angetreten habe, und auf Ganna, weil sie sich weigert zu schlafen und weil ich weiß, dass sie keinen Augenblick lang ruhen wird, bis in ihrer Heimat wieder Frieden eingekehrt ist. Ich schäme mich, dafür stolz auf mich selbst zu sein, und kann das Gefühl doch nicht verleugnen. Es tut mir leid. Alles tut mir leid.