26. Februar 2022 (Teil 1) – Rücklichter

Eine Bergstraße bei Nacht im Schnee, auf beiden Seiten der Fahrbahn Bäume, die sich in Schwärze verlieren. Wir haben beschlossen eine andere Route zu nehmen. Zurück also nicht durch Ungarn, wo den Straßen der Belag fehlte, sondern durch die Slowakei. Dieser Weg verspricht mehr Autobahnen. Auf der digitalen Landkarte sieht die Strecke vielversprechend aus. Aber eigentlich hätten wir es besser wissen müssen. Erst vor einer Woche verließen wir das Hotelin Liptovský Mikuláš: Ski-Urlaub. Ganna und ihr Vater auf der Piste  - Gannas Mutter nicht. Aber nur weil zwei von vier nicht Ski fahren können oder wollen, lässt man sich nicht die Chance entgehen, einmal im Jahr die Familie eine ganze Woche lang zu sehen. Das Hotel, der Berg, eine Tradition in Gannas Familie. Ich nehme gerne Teil und hoffe sie nächstes Jahr zu wiederholen. Ich hoffe es trotz allem.

Eigentlich helfen die Serpentinen und die fürchterliche Finsternis gegen meine Müdigkeit. Auf der Autobahn hatte sich schon Erschöpfung eingestellt. Jetzt noch zurückfahren. Seit halb 6 auf den Beinen, unverrichteter Dinge abgezogen und noch einmal 600 Kilometer, fast 700 auf dieser Route. Wir schaffen es über den Pass. Nur einmal kommt uns ein Lastwagen entgegen und ich bekomme Panik, weil ich im Ausland in den Bergen um eins in der Früh das Gefühl habe, von dem Monstrum an der Bergflanke zerquetscht zu werden. Aber der Laster fährt vorbei – genug Platz, natürlich. Bergab, dann Dörfer, Ski-Orte, dann Hochebene und eine Fabrik, die ich bereits kenne. Da ist die Abzweigung nach Liptovský Mikuláš, und wenn der Hund nicht auf uns warten würde, würden wir die Nacht im Ski-Hotel verbringen. Was sind schon ein paar Stunden, die Verlockung ist groß. Man kennt uns dort. Sicher würde man uns auch nach Mitternacht noch einlassen. Aber wir nehmen die Abzweigung nach links statt nach rechts. Nach Westen statt nach Osten. Westen – für mich zuhause und auch für Ganna. Der Osten lockt uns – die Unvernunft, das Herz schaut nach Osten.

Ganna liest mir die neusten Nachrichten vor. Obwohl es mitten in der Nacht ist, berichtet das Handy immer wieder von Bomben und neuen Orten, die unter Beschuss stehen. Freunde schreiben von ihrer Angst und Fremde halten jedes Ereignis im unendlichen Newsfeed eines Telegram-Kanals fest, lassen die Welt, die kleine Kanalwelt teilhaben. Sie verlassen sich darauf, dass die Nachrichten über die Ufer des Kanals schwappen werden, dass die Rezipienten sie in die weite, analoge Welt hinaustragen. Ganna wird es tun, tut es jetzt schon in kleinen Dosen, indem sie mir alles vorliest. Immer noch weigert sie sich zu schlafen. Ich bitte sie die Augen zuzumachen. Morgen ist auch noch ein Tag. Morgen wird sie auch etwas machen wollen, sich einsetzen für ihr Land – nicht schlafen. Warum also nicht jetzt rasten, wo sie neben mir im Auto gefangen ist. Sie will nicht. Sie will mit mir wach bleiben, mir helfen, mich am Laufenden halten und damit wach. Ich bin ihr dankbar. Eigentlich möchte ich nicht, dass sie schläft, eigentlich will ich wissen, was passiert, will, dass sie mir vorliest. Eine morbide Neugier, obwohl mir jede Bombenmeldung die Kehle zuschnürt.

Irgendwann flacht das Land ab und mit der Ebene kommt die Autobahn – gefährliche Erleichterung. Ich gebe es nicht zu, aber mir fallen die Augen immer wieder zu. Viel zu lange belüge ich mich selbst. Aber nachdem die vorbeirauschenden Lichter eines überholenden Wagens mir beinahe einen Herzinfarkt verursachen, weil sie mich aus der Trance reißen und ich einen Moment lang meine, das Auto würde gleich in uns hineinkrachen, nehme ich die nächste Ausfahrt und stelle auf einem Rastplatz den Motor ab. Als der Motor erstirbt, schreckt Ganna hoch. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie eingeschlafen war. „Musst du aufs Klo?“, sage ich und zeige auf zwei Dixie-Klos am Rand des Parkplatzes. „Nein. Nicht auf solche Klos.“ Ich habe kein Problem mit Dixies, aber wären wir alleine auf dem Parkplatz gewesen, hätte ich in den Schnee gepinkelt. Drei junge Männer stehen auf dem Spielplatz neben den Klos und rauchen im Scheinwerferkegel ihres Autos. Die Lichter strahlen auch auf die Klos und durch die schmalen Lüftungsschlitze ins Innere. Ich fühle mich beobachtet. Zurück im Fahrersitz schließe ich zehn Minuten lang die Augen. Auch Ganna schläft jetzt freiwillig. Zehn Minuten nur. Es ist schon so spät. Wir brauchen viel länger als geplant.

Ich kann nicht mehr. Weiter – es ist 2 Uhr. Rudi vermisst uns und wir sind nicht nur körperlich erschöpft. Ich denke an ihre Freude, wenn wir endlich heimkommen. Mir wird warm ums Herz, bis mir erneut die Straße und die Rücklichter vor den Augen verschwimmen, sich verdoppeln, vervierfachen. Ich greife nach Gannas Hand, drücke sie. Sie merkt es nicht. Ihr Kopf ist in den Nacken gelegt, ihr Mund ist offen und sie schnarcht ein wenig. Ich drücke fester. Warum wacht sie nicht auf? Sie muss aufwachen. Ich kann nicht mehr. Es tut mir leid um ihre Ruhe, aber es geht nicht anders. Wir können uns nicht noch länger aufhalten. Dabei würde ich so gerne schlafen – eine Stunde nur. Ganna wacht nicht auf und ich steuere einen Parkplatz an. Noch einmal Pinkeln, frische Luft und zehn Minuten Augen zu. Eine Stunde später wache ich auf. Ganna umarmt mich als ich hochschrecke und steckt ihr Handy an, dem, wie mir, die Kraft ausgegangen ist. Immer noch drei Stunden. Ich traue mich seit Stunden nicht schneller als 100 zu fahren. Jetzt aber bin ich wach, habe Herzklopfen und meine Beine kribbeln. Das macht mir Sorgen. Ich massiere mir die Oberschenkel und es hört auf. Ich höre auf zu massieren, es fängt wieder an. So lange im Auto – hoffentlich keine Thrombose. Ich male mir aus, im Schlaf zu sterben. „In Kyjiw ist schon die ganze Nacht ständig Fliegeralarm und die Russen sind nicht mehr weit von Charkiw.“ „Kennst du jemanden in Charkiw?“ Ganna nickt in meinem Augenwinkel. „Etwas Neues von deinen Eltern?“ „Sie bedanken sich, dass wir zur Grenze gefahren sind.“ „Werden sie versuchen aus Kyjiw raus zu kommen?“ „Nein. Sie möchten bleiben.“ „Hmm.“

An der Grenze gleich nach Bratislava steht ein übergewichtiger österreichischer Soldat und hält uns auf. Das ist mir in der EU schon lange nicht mehr passiert. An seinem Gürtel baumelt eine Waffe. Mir graust bei dem Anblick und ich begutachte seinen Gesichtsausdruck misstrauisch. Er ist müde, reibt sich die Augen und ich reibe mir die Augen. Ich hoffe, er denkt, ich mache mich nicht über ihn lustig. Die Spiegelneuronen zwingen mich. Ganna holt unsere Dokumente aus dem Rucksack und er schaut sie sich gar nicht richtig an, winkt uns weiter.

Jetzt bin ich hellwach. Immer wieder schaue ich in den Rückspiegel, als erwartete ich hinter uns Feuerkegel in die Luft fahren zu sehen. Die Waffe des Grenzsoldaten bleibt mir bis nach Wien im Hinterkopf. Wenn er gewollt hätte, hätte er uns erschießen können. Ich fühle mich klein. Um 5 Uhr morgens steigen wir aus. Das Haus ist dunkel. Rudi wartet hinter der Tür, wedelt wie verrückt, springt an unseren Beinen hoch und rennt an uns vorbei in den Garten, um zu pinkeln. Dann läuft sie wie verrückt um uns im Kreis. Ganna fängt sie ein und hebt sich, lässt sich das Gesicht abschlecken. Ich streife meine Kleidung von mir, setze mich zum Schreibtisch und starre durch den Bildschirm hindurch. Obwohl ich eigentlich nur ins Bett will, öffne ich die Nachrichten. Nichts, was Ganna nicht schon vor Stunden gewusst hätte. „Rudi hat oben gekackt!“, ruft sie von oben. „Das haben wir ja erwartet. Ich mache es gleich weg.“ „Nein ich mach es.“ „Danke! Du bist eine Heldin!“ Als ich eine halbe Stunde später ins Bett komme, liegt Ganna noch wach. Rudi schläft in ihrem Arm. „Schau sie dir an! Soooo lieb!“ „Ja so lieb.“ Ich klettere über die beiden hinweg ins Bett.

Peter Huemer