März 2022 (Teil 4) - so groß wie Wien
Nach Charkiw:
Charkiw ist in etwa so groß wie Wien, hieß es in den Nachrichten, bevor man die Aufnahmen des Raketenangriffs auf den Platz der Freiheit Anfang März zeigte. So groß wie Wien – unter allen Informationen, die es über Charkiw zu erwähnen gäbe, schien die Vergleichbarkeit ihrer Größe mit jener unserer Hauptstadt die wichtigste zu sein. So identifiziert man sich mit einer fernen Stadt. Schaut her – so groß wie Wien. Stellt euch vor, die Rakete wäre auf dem Heldenplatz niedergegangen! Das brauchen wir, oder das Fernsehen glaubt, dass wir das brauchen.
Kurz darauf standen die Russen bereits unweit der Stadt. Bis auf wenige Kilometer war die Artillerie und waren die Panzer und waren die Soldaten an Charkiw herangerückt. Sie müssen überrascht gewesen sein, aufgehalten zu werden. Sie hatten doch den Platz der Freiheit getroffen, hatten geglaubt, die Freiheit der Ukraine selbst getroffen zu haben, sie zerstört zu haben. Aber der Name des Platzes ist ein Symbol und den Platz gibt es noch – ein Krater darin zwar, aber ein Krater macht ein Symbol nicht zunichte. Sie standen also vor Charkiw und dort verharren sie noch heute – eine neue Offensive steht bevor (aber dazu später – ich komme nicht hinterher). Vor und zurück – wütend, frustriert und gewalttätig. Gerade Charkiw hatten sie geglaubt leicht einnehmen zu können. Charkiw, eine Stadt voller Russischsprachiger, hatten sie gedacht. Aber was heißt schon die Sprache, wenn sie gegen einen gerichtet wird, wenn alles gegen einen gerichtet wird und man versucht, einen seiner Sprache wegen zum Komplizen zu machen? Die Menschen gaben der russischen Armee eine Antwort, indem sie in all ihrem Leid und ihrer Furcht nicht zurückwichen. Charkiw ist so groß wie Wien! Diese Information an erster Stelle fühlte sich an wie eine Beleidigung. Damit will ich mich aber nicht aufhalten. Es war nicht böse gemeint, sondern ist nur ein Zeichen unserer Weltsicht: Was hat das mit mir zu tun? Oder wohlwollender: Wie verhält sich das im Bezug auf mich? Wo die Verbindung schon gezogen ist, kann man sie also stehen lassen. Ergründen Sie ruhig Ihre Emotionen: Was, wenn die Rakete auf dem Heldenplatz niedergegangen wäre?
Ich habe überlegt, jetzt Wikipedia zu lesen, Ganna zu fragen, damit ich so viele Informationen über Charkiw in diesen Text einbauen kann wie möglich. Aber das wäre unehrlich. Ich will niemanden belehren, niemanden dafür kritisieren, dass er oder sie nicht genug über eine Stadt in Europa weiß. Über wieviele Städte dieser Welt wissen die meisten Leute kaum etwas? Das ist auch nicht unsere Aufgabe im Leben – viel über Städte zu wissen. Deshalb bleibe ich bei dem, was ich über Charkiw weiß, und das ist nicht viel. Charkiw steht recht weit oben auf meiner Besuchsliste – in die Ukraine wollte ich noch öfter fahren, jedes Jahr, und jedes Jahr wollte ich mehr erfahren und erkunden. Jetzt also nicht dem Entdecken mit übermäßiger Recherche vorgreifen.
Was ich über Charkiw weiß, ist, dass es eine Universitätsstadt ist. Ich weiß, dass sich dort zu Beginn der Invasion zehntausende Studenten aufhielten und ich weiß, dass viele von ihnen ihre Studien dort nicht wieder aufnehmen werden. Ich weiß, dass Charkiw im 17. Jahrhundert als Festungsstadt gegründet wurde – wusste es sogar ohne Wikipedia (ich weiß nicht warum). Ich weiß, dass sich dort Serhij Zhadan den Freiwilligen angeschlossen hat. Ob er noch dort ist, weiß ich nicht. Der berühmte Schriftsteller legt die Feder einen Moment lang beiseite. Er wurde nicht in Charkiw geboren und dennoch ist es seine Stadt – "Mesopotamien". Ich sollte das Buch lesen. Ich habe es schon daheim, aber nie Zeit gefunden. Nur "Internat" habe ich gelesen und dieser Roman hat mich damals vor zwei Jahren tief beeindruckt. Ich war dabei, als Zhadan seinen damals neuen Roman in Tscherniwzi im Amphitheater vor den begeisterten Besucherinnen und Besuchern des Meridian Literaturfestes vorstellte. Ich habe kein Wort verstanden. Aber der Vortrag danach war dreisprachig – Ukrainisch/Englisch/Deutsch. Am Tag davor hörte ich Zhadans Musik auf der Bühne des Theaters. Wieder verstand ich kein Wort, aber ich fühlte die Worte. Was kann ich schon über diesen Mann sagen und seine Stadt. Ich kenne ihn nicht und ich kenne eigentlich auch Charkiw nicht. Ich kenne seine Kunst in Übersetzung und habe sie im Original gefühlt. Ich kenne seinen Schmerz nicht und seinen Zorn. Ich weiß nur, dass er mich beeindruckt und dass es mir Angst macht, an ihn zu denken. Was soll ich über Charkiw sagen? Ich war noch nie dort und ich schäme mich für den Gedanken, diese Chronik im Dienste der Ukraine schreiben zu wollen. Was hilft das schon? Die Feder ist nur metaphorisch mächtiger als das Schwert. Ich will auch nicht behaupten, dass ich gemeinsam mit Zhadan in Charkiw mit anpacken möchte. Ich möchte es nicht – traue mich nicht und feige strecke ich mich doch wieder nach der Feder. Ja – Charkiw ist ungefähr so groß wie Wien.