April-Mai 2022 (Teil 1) - Stahlstadt

Nach Mariupol:

Mariupol ist eine Stahlstadt, eine stählerne Stadt am Asowschen Meer, einem seichten, warmen Meer. Man kann sich diese Stadt vorzustellen versuchen – so wie sie einmal war –, aber eine Stadt ist nicht ihre Gebäude, nicht ihre Luft, nicht das Klima und nicht ihre Lage. Sich Mariupol vorzustellen und zu diesem Zwecke in Geschichtsbüchern dieses oder jenes zu lesen, ein Buch zu lesen, in dem jemand versucht, sich die Stadt mit Hilfe sekundärer Quellen vorzustellen, auf Google Maps im Satellitenmodus auf die Stadt herab zu zoomen oder Luftaufnahmen von vor einem Jahr mit den Ruinen aus der Zeitung zu vergleichen bringt einen keinen Schritt näher an Mariupol. Vorstellen bedeutet, anhand löchrigen Wissens etwas zu konstruieren oder es sich gänzlich auszudenken. Also nicht vorstellen – versuchen kennenzulernen. Für die Literatur reicht die Vorstellung normalerweise und auch ich werde nicht weit über eine Vorstellung hinaus kommen, so sehr ich mich auch bemühe. Der Versuch aber, sei er auch zum Scheitern verurteilt, sollte für jeden ein ehrlicher sein. Was will ich mir alles vorstellen? Mariupol. Was ist Mariupol? Mariupol ist eine Stahlstadt, eine stählerne Stadt am Asowschen Meer, einem seichten, warmen Meer. Das stimmt nicht. Das sind: geografische Lage, eine Aussage über den dominanten Wirtschaftssektor, ein kleiner Zusatz über die durchschnittliche Temperatur des Wassers. Was ist Mariupol? Was ist es heute und was war es vor drei Monaten? Mariupol ist die Menschen von Mariupol – das ist alles, was zählt. Die Menschen – eine leere Stadt, eine menschenleere Stadt ist gar keine Stadt, hat verloren, was eine Stadt zu sein hat. Eine Stadt ist die Heimat von Menschen oder deren Wohnort, deren Urlaubsziel oder deren Raststätte auf Reisen. Wenn also niemand mehr dort lebt, dann ist Mariupol überhaupt keine Stadt. Aber dort leben noch Menschen. Die Menschen von Mariupol existieren: Sie sind! Sie sind der Ort. Wenn wir also hören: Mariupol wird beschossen, dann sind es nicht die Mauern der Häuser, die gemeint sind, sondern es sind die Menschen. Wenn wir hören, dass Mariupol beschossen wird, dann hören wir, dass die Menschen von Mariupol unter Beschuss stehen. Nicht der Hafen, nicht das Stahlwerk – die Menschen, das Leben selbst. Das gilt für alle Städte. Und für die russischen Soldaten, jene, die schießen, jene, die Raketen zünden, gilt: Ihr Feind ist das Leben.

Um über die vergangenen 3 Monate von Mariupol zu sprechen, braucht man aber irgendwie doch die Geographie, Geschichte und Häuser. Man braucht es für das Warum der Dinge, denn obwohl die russischen Soldaten nicht die Häuser, sondern die Menschen attackieren, glauben sie und glaubt man in Russland und glauben selbst die Schlächter im Kreml, nur einen Flecken Erde, den man besitzen und besetzen kann, den man nutzen kann und der auch nur wegen Geographie und wegen der Häuser für sie wichtig ist, zu bekämpfen. Wenn ich also frage; „Warum wird Mariupol beschossen?“ und wenn ich auf diese rhetorische Frage antworte: „Wegen der strategisch wichtigen Lage“, dann will ich nicht behaupten, dass es tatsächlich so ist, sondern ich will behaupten, dass man das glaubt. Die Wahrheit ist viel einfacher, und grausamer ist sie auch: Weil Russland beschlossen hat, die Ukraine zu vernichten, ihren Boden zu rauben und zu verschlingen. Das eine schließt das andere nicht aus. Russlands Beschluss schließt nicht aus, dass man Mariupol wegen seiner Lage beschießt. Aber das eine ist der Grund und das andere die Konsequenz. Eine Konsequenz nur von vielen, die ihren Ursprung in diesem furchtbar einfachen warum haben. Natürlich nicht den wirklichen Ursprung, aber da könnten wir der Logik des Imperiums folgen und die Kausalitäten so weit zurückverfolgen, bis wir einen zufriedenstellenden Punkt erreicht haben. Ich habe es versucht und bin nicht fündig geworden – kein Ereignis, nichts, das ein solches Morden rechtfertigen könnte. Bis zum Urknall nichts. Bereits über zwei Monate verteidigen die Ukrainische Marine, die Territorialverteidigung und das Asow Regiment Mariupol. Es sind nicht mehr viele von ihnen übrig. Zu weit südlich und gleichzeitig zu weit östlich, von der ersten Welle der Invasion umspült und von allem Nachschub abgeschottet harren sie heute im Stahlwerk aus. Jeden Meter der Stadt haben sie mit Zähnen und Klauen verteidigt und nun warten sie darauf, entweder vom Himmel zermalmt zu werden oder von in das Werk schwärmenden russischen Soldaten überwältigt zu werden. Mit ihnen versteckt sich eine unbestimmte Zahl an Zivilisten – 1000, dann 500, dann 2000 – genau wird man es später wissen, wenn man die Entkommenen und die Verlorenen zählt. Sie könnten sich ergeben. Sie hätten sich schon lange ergeben können. Dass ihnen niemand zu Hilfe eilen wird, müssen sie gewusst haben. Zu weit liegt Mariupol von der Front. Aber sie haben sich nicht ergeben. Ob aus Heldenmut, aus Furcht oder aus überbordendem Optimismus, ist nicht klar. Warum die Zivilisten bei ihnen verschanzt sind und nicht irgendwo sonst in der besetzten Stadt versuchen, sich trotz Fremdherrschaft durchzuschlagen, ist hingegen verständlicher: Butscha, Irpin… Die Russen können keine ganze Stadt erschießen, aber als einzelner Mensch scheint das Risiko unkalkulierbar. Auch im Stahlwerk ist niemand sicher – aber Bomben sind wohl besser als Folter. Diese Abwägung scheinen die Menschen im Werk getroffen zu haben. Vielleicht haben sie auch einfach die Chance ergriffen, in einem massiven Bunker Schutz vor der Artillerie zu suchen, und fanden sich schließlich in dieser belagerten Festung wieder, kaum Wasser, nichts zu essen. Jeden Tag spricht man von Fluchtkorridoren, von denen nur jeder Zehnte zustande zu kommen scheint. Immer 100, dann wieder 40, dann 20 werden evakuiert – sie verlassen das Werk nur, wenn sie sicher sind, freies ukrainisches Gebiet erreichen zu können. Nach Russland, ins Lager, nach Sibirien oder gar bis an die Chinesische Grenze will niemand.

Manch zynische Stimme hier in Österreich, in der EU, behauptet, das verteufelte Asow Regiment halte die Zivilisten gefangen (diese Nazis!) und verwende sie als menschliche Schutzschilde. Naiv wären sie, würden sie das versuchen. 1000 Menschen sind kein Schutzschild gegen Raketen, die sowieso oft für das vermeintliche Schild anstatt für sie bestimmt sind. Aber was weiß ich, was Verzweiflung und Todesangst mit einem macht. Was weiß ich schon? Ich weiß, dass mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können.

Eine grob verkürzte und vereinfachte Geschichte auf die Gefahr hin, Zorn auf mich zu ziehen: Das Asow-Regiment ging ursprünglich aus einer oder mehreren rechten Vereinigungen hervor, die vor 2014 gegründet wurden. Das Asow-Regiment kämpfte als irreguläre Einheit von Anfang an gegen die Separatisten im Donbas. Damals war das Regiment ein wild zusammengewürfelter Haufen aus vielen Bereichen der rechten Szene. Ende der Zehner-Jahre wurde es in die regulären Streitkräfte integriert und systematisch umgebaut, die Kommandoebene ausgetauscht und die extremsten Elemente ausgesondert. Über die Jahre trat aus vielfältigen Gründen eine große Zahl Freiwilliger meist ohne radikalen Hintergrund dem Regiment bei. Und dennoch – Im Asow-Regiment kämpfen auch einige Menschen mit zweifelhaften, im extremsten Fall verabscheuungswürdigen politischen Vorstellungen, und gleichzeitig verteidigen diese „schlechten“ Menschen ihr Land und ihre Stadt, weil es ihre Heimat ist – das macht sie zu Helden. Die Gleichzeitigkeit der Dinge: Ein Mensch – Rechtsradikaler und Held, Gewalttäter und Verteidiger. Mir schwindelt bei dem Gedanken, und jedes Mal, wenn irgendwo von russischer Seite von Gräueltaten der Asow-Nazis gesprochen wird, siegt in mir einen Moment lang der in Friedenszeiten vernünftige Reflex, das Regiment mit seinen Insignien, seinem Gründer und allem, was dazu gehört, zu verteufeln, und in diesem Moment laufe selbst ich Gefahr, die Gleichzeitigkeit der Dinge aus dem Auge zu verlieren. Dann quäle ich mich, indem ich mir Bilder der Ruinen von Mariupol ansehe und die Bilder aus Butscha und Irpin. Heute sind sie Helden – und gleichzeitig sind sie wer sie sind. Diese wenigen hundert Kämpfer sind, selbst wenn sie keine Helden wären, sondern nur kriegerische Radikale, immer noch Menschen. Und diese Menschen werden sterben, wenn nicht ein Wunder geschieht. Wer sich darüber freut, macht sich nicht zum guten Menschen, nicht zum Verteidiger aller Dinge, die gut und richtig sind, bringt sich nicht auf die richtige Seite der Geschichte, indem er oder sie sich idealistischer Perfektion badet – im Gegenteil. Ebenso wer versucht anhand dieser sterbenden, verlassenen Kämpfer den Mord an der ukrainischen Bevölkerung zu rechtfertigen.  „Alles Nazis“, sagt der Kreml und meint damit nicht das Asow-Regiment, sondern jeden Menschen, der nicht Russe oder Russin ist oder dem Willen des Kremls nicht zu Füßen liegt.

Dann sind wir alle Nazis – wenn dieses Wort nichts mehr bedeutet. Aber das Wort bedeutet etwas, und deshalb sind wir keine Nazis und die Ukrainer sind keine Nazi-Bande und die Toten unter den Trümmern von Mariupol waren keine Nazis. Selbst die Russen sind keine Nazis, auch wenn man sie gerne so nennen würde.

Also warten wir auf das Wunder, auf das auch die Soldaten im Stahlwerk hoffen und die Stadt, die Menschen außerhalb des Werkes, die die Stadt sind. Wir lesen jeden Tag Nachrichten und hoffen. Und während wir hoffen, solange es Hoffnung gibt und solange auch nur ein einziger Verteidiger am Leben ist, hält Mariupol stand.   

Peter Huemer