Kein Datum - Burgfrieden
Auf der Burg wird fernab des Krieges vom Frieden gesprochen. Hinter hohen Wällen auf steilem Fels umgeben von unüberwindbaren Gräben sitzen wir im Auditorium und warten auf die erste Ansprache. Man schüttelt Hände, betreibt Smalltalk, viele kennen sich bereits. So einige professionelle Konferenzgänger treffen sich hier, lachen und scherzen.
Dann betritt ein ehemaliger Verteidiungsminsiter die Bühne. Kein großer Redner. Seine Ansprache ergießt sich über die Zuhörenden und die Hitze tut ihr übriges - die Worte zerfließen breiig und man vergisst sie sobald er die Bühne verlässt. Ihm folgt eine Hauptmann, ein Landeshauptmann. Er spricht länger als sein Vorgänger, findet Halt in eingestreuten historischen Fakten und den Bruchstücken von Anekdoten. Aber am Ende gelingt ihm auch nicht mehr als tausendmal gehörte Formeln neu zu arrangieren. Frieden - das Wichtigste! Und Frieden beginnt damit an ihn zu glauben, daran zu glauben, dass er möglich ist. Für möglich scheinen ihn die wenigsten in diesem Raum zu halten. So klar sehen sie die Realität zumindest. Ein Hoffnungsschimmer: Frieden ist Ideal, das Bild einer anderen Welt, einer Welt, der alle dynamiken der unseren Fremd sind, eine Welt ohne Herrscher, ohne Gier und Hass - nicht unsere Welt. Schade, dass niemand eine Idee hat, was es wirklich bräuchte um unserer Welt ihren verhassten Frieden zu schenken. Nach einer solchen Idee zu suchen, nach den Mechanismen, den Regeln und Strukturen, ist als erster Schritt in den Köpfen der ersten Redner derart Utopisch, dass es keines Wortes wert ist. Also ihre Frage: Was lässt sich tun ohne etwas zu tun? Oder besser: nehmen wir an das allermeiste, die meisten Strukturen, Institutionen, Internationalen Gesetze (und deren Bedeutungslosigkeit) seien Naturgesetze - was können wir tun ohne sie in Frage zu stellen.
Als dritter Betritt ein Mann vom roten Kreuz die Bühne und spricht von Grundsätzen. Er spricht von den Grundsätzen der Neutralität seiner Organisation und von den Grundsätzen der Menschenrechte, die bedingungslos zu gelten haben - für Aggressor und Angegriffenen gleichermaßen. Er spricht von Menschenrechten und klopft sich selbst auf die Schulter. Er spricht von unumstößlichen Rechten und Pflichten während Männer und Frauen mit dem roten Kreuz auf dem Revert Beihilfe leisten ukrainische Kinder nach Belarus zu “exportieren”. Er zündet Weihrauch an und strahlt.
Nummer vier ist ein wichtiger Mann der arabischen Liga. Er bittet um Verständnis dafür, dass er nicht über die Ukraine spricht. Sein Worte sind wohl gewählt und selbst als die Sprache auf Israel kommt bleibt er diplomatisch obwohl zwischen den Zeilen ein gewissen Verbitterung mitschwingt. Und am Ende schlägt er doch einen Bogen vom Nahen Osten bis nach Osteuropa indem er die Querverbindungen aller Krisen aufzeigt ohne sie jedoch zu definieren. Er spricht von Problemen und nennt sie bloß vorsichtig. Er spricht von Versäumnissen und definiert sie nicht. Zumindest ist sein Englisch gut und sein Vortrag sprachlich wohl formuliert.
Dann die OSZE. Ein lange Liste von Errungenschaften und Leistungen. Das Mindestmaß wird zu Heldentaten umettiketiert und aus dem Gesicht des Redners und der Klangfarbe seines Vortrags spricht Langeweile. Aber vielleicht ist auch er einfach ein schlechter Redner, wie so mancher an diesem Tag.
Endlich ist es Zeit für das Panel, eine Diskussion, Konfrontation - so die Hoffnung. Erst ein Professor, der nichts zu sagen hat, es aber schön verpackt, demonstriert, dass er sich auskennt und beweist, dass er cool zynisch sein kann. Er hält sich kurz.
Es erklingt die erste ukrainische Stimme des Tages und zerlegt die vorangegangenen Phrasendrescher, hält ihnen ihre Selbstüberschätzung und die Versäumnisse ihrer Institutionen vor und korrigiert sie: es sei falsch alles immer als Konflikt zwischen Ost und West zu stilisieren. Viel eher ist es ein Konflikt von Systemen, der sich nicht allein an Geografie festmachen lässt. Es ist gefährlich den Konflikt und die polarisierung wie Gott gegeben anhand Himmelsrichtungen und Grenzen zu definieren. Schnell bekäme ein solcher Konflikt eine ethnische, kulturelle Konnotation und ein Kampf zwischen Kontrahenten, die sich selbst plötzlich nicht mehr nur an Politik und System sondern anhand von Herkunft, Hautfarbe, ja Ethnie definieren, artet schnell zur höchsten Grausamkeit aus und frisst sich tiefer seine Bahn.
Darauf hat niemand etwas zu sagen. Die übrigen Beiträge sind zahm, vorsichtig, verschreckt, blutleer - Frieden ist das wichtigste! Oh?! Nein! Was ihr nicht sagt!
Sie meinen es gut. Sie wissen und sprechen aus, wer Aggressor und wer Angegriffener ist. Aber sie haben keine Antwort. Sie suchen danach mit Scheuklappen und Sonnenbrille - nur nicht zu viel Veränderung. Was solls? Die Mächtigen beraten sich anderswo - hier versammeln sich die Repräsentativen zur diskutiven Beschäftigungstherapie. Sie meinen es gut, aber es ist heiß und Zeit fürs Mittagessen. Fein gekleidete Angestellte reichen Getränke und vor dem Buffet bildet sich eine Schlange. Ich trinke Apfelsaft und besichtige die Burg bis die Mittagspause endet und der Hof sich leer. Drinnen beginnen die “closes workshops”- ich hoffe ich tue den Konferenzgängern unrecht und sie spinnen in ihren Seminarräumen großartige Ideen.
Auf dem Platz vor dem Hotel reihen sich die Botschaftslimousinen und ein Schuttlebus verursacht beim Ausparken einen Blechschaden. Ein Polizist lacht und fragt den Fahrer ob er sich wirklich gedacht habe, dass sich das ausgehe. Der Fahrer zuckt mit den Schultern. Wir machen uns auf den Heimweg.