Kein Datum - Auslöschung
Ich habe Angst zu sterben. Seit meinem dreißigsten Geburtstag macht sich in mir immer wieder, meist spät abends, die Furcht breit womöglich, wenn ich es wage einzuschlafen, nicht wieder aufzuwachen. Das Gefühl, die ständigen Rückenschmerzen rührten eigentlich vom Herzen her, das nach hinten aus meinem Körper herauszubrechen versucht, und die Kopfschmerzen, der kaum merkliche Stich hinter dem Auge, sei ein sich anbahnendes Aneurysma. Aber es sind gar nicht die Symptome des Lebens, die sich aufeinander türmenden Schmerzen, sondern der Gedanke, der folgt, der mir den Schlaf raubt - und dann nichts mehr. Nichts. Unmöglich vorstellbar, eine schwarze Masse, wabernd und alles verschlingend ist dieser Gedanke. So furchterregend, dass er nicht zu ertragen ist, weil nicht zu entschlüsseln, nicht zu Ende denkbar. Nichts. SCP-3125. Unabwendbar und nicht wahrnehmbar. Der simple Gedanke “Das krieg ich eh dann nicht mehr mit” genügt nicht, macht es nur schlimmer. Aus, aus, aus, nichts, schwarz, dunkel, weiß oder grau, nein, nichts, nichts, nichts - nicht sein. Dann verstehe ich den Selbstbetrug und die Gebete. Nur ist es dafür für mich zu spät. Ich habe Angst, wenn Ganna schläft, wenn Rudi schläft und ich mit mir allein bin.
Vor etwas weniger als 2 Wochen starb die ukrainische Schriftstellerin Wiktorija Amelina an Verletzungen, die ihr von Russland, einer russischen Rakete, zugefügt worden waren. Sie hatte etwas 50 km von der Front in Kramatorsk in einer Pizzeria gegessen, hatte eine Gruppe kolumbianischer Journalisten begleitet. Sie saß da am Tisch und dann nichts mehr. Ich kannte sie nicht, aber Ganna kannte sie. Vor einigen Monaten saß ich an meinem PC und überarbeitete die deutsche Übersetzung eines ihrer Essays, für einen Band, den Ganna beim Passagen Verlag herausgab. Ich kann mich nicht an den Text erinnern - so viele Essays habe ich damals hintereinander bearbeitet und kaum geschaut, welche von wem ist. Aber ich werde ihn jetzt wieder lesen.
Diese Person, Wiktorija Amelina, ist fort - wo sie war, ist nichts. Wo die Pizzeria war, sind Trümmer. Überall sind Trümmer und Lücken, Leerstellen, wo einmal Personen waren. Ein ganzes Land aus Leerstellen. Ihre Werke, ihre Worte auf Papier, in Bernstein gefangene Gedanken, die man immer wieder lesen kann - ein Echo. Nur weiß dieses Echo nichts von sich selbst, existiert nur für uns. Ich kannte Wiktorija Amelina nicht. Ich kannte keinen der Toten in der Ukraine. Und dennoch wuchern die Leerstellen ihrer Existenz.
Keine dieser Leerstellen vermag ich mit einem Nachruf auszufüllen. Ich kann von keinem dieser Menschen ein Bild malen, niemanden ausreichend beschreiben, selbst wenn ich sie alle gekannt hätte. Nur die Bruchstücke ihrer Leben, die winzigen Einblicke, die mir gestattet sind, durch die Fenster von Literatur, Bildern und Berichten, kann ich bei mir sammeln, festhalten so gut es mir gelingt und den Versuch wagen, daraus etwas zu machen, etwas, das ihnen nicht gleicht und auch Einzelnen nicht ähnelt, aber ein bisschen von ihnen enthält.
Ich kann das Gefühl nicht fassen, den Gedanken nicht bändigen: tot zu sein - fort zu sein. Wenn ich recht darüber nachdenke, scheint mir das der Grund zu sein, warum ich schreibe. Zuerst um gehört zu werden und dann um mein eigenes Echo in der Welt zu verankern. Ein Buch, eine Statue, eine Inschrift auf einer bronzenen Plakette - das bin ich dann. Nur so, mit der Hoffnung etwas zurückzulassen, das über die Erinnerungen einer einzigen Generation hinausgeht, kann ich nachts im Bett die Furcht ertragen - die Angst vor meinem eigenen Körper hier im friedlichen Wien. Die Toten von Kramatorsk, die Toten von Bakhmut, von Kyijw, von Charkiw, von Odesa, von Lwiw, von Sumy, von Butscha, von Mariupol, von Cherson, von überall, dachten nicht an Gedenksteine. Sie taten, was sie für notwendig hielten, oder folgten den Zwängen des Alltags - und dann nichts. Umso mehr haben sie ein Monument verdient. Sie und alle Hingeschlachteten der letzten 6000 Jahre.
Aus. Nichts zu sagen. Nichts, was diesen Menschen noch helfen könnte und auch nichts, was die Opfer von Morgen oder Übermorgen vor dem Tod bewahren könnte.
Es tut mir leid.