26. Februar 2022 (Teil 2) - Wirklichkeit

Es ist Samstag. Freitag war vier Tage lang. Und dass morgen schon Sonntag ist, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe mich schon lange nicht mehr so schlecht gefühlt. Ich will mich nicht beklagen, tue es aber trotzdem. Ganna ist das gewöhnt und wir balancieren uns gut aus, weil sie sich kaum jemals wirklich beschwert. Heute hört sie meine Klagen nicht, weil sie, als ich aufwache, schon weg ist. Es ist zehn, fünf Stunden, seit wir zu Bett gegangen sind. Ich erwache allein, Rudi ist nicht hier. Ich höre sie irgendwo im Korridor. Der untere Rücken über dem Steiß tut weh wie nach meinem Hexenschuss letztes Jahr. Nein, das war vorletztes Jahr – die Pandemie hat die Jahre durcheinander gewirbelt. Ich dachte nicht, dass Ganna schon so früh gehen würde. Sie ist im Krisenzentrum in der Postgasse. Dort in der Pfarre St. Barbara, wo sie normalerweise im Open-Space Lesungen, Vorträge und Workshops leitet, rotieren jetzt die UkrainerInnen von Wien und organisieren ihre erste Rettungsraserei, kämpfen gegen das Gefühl von Machtlosigkeit und fokussieren ihren Zorn und ihre Furcht auf sinnvolle Dinge. Ganna hat vor, sich als Pressesprecherin des Krisenzentrum anzubieten. Sie spricht ausgezeichnet Deutsch, Englisch, natürlich Ukrainisch und wenn es sein muss auch Russisch.

Ich lege mich noch einmal hin und strecke die Beine durch – Krampf in beiden Waden: 16 Stunden Pedale kontrollieren und der rechte Ellbogen ist geschwollen: 10 von 16 Stunden darauf gestützt, das Lenkrad in der linken Hand. Vor meinen geschlossenen Augen verschwimmen Rücklichter und Menschen, die meine Hilfe nicht brauchen, strömen über eine Grenze. Sie brauchen jede Hilfe, fast jede, nur gerade die, die ich anbieten konnte, in jenem Moment nicht.

Ich kann nicht mehr einschlafen. Rudi will mich auch nicht lassen. Sie weint neben dem Bett. Also stehe ich auf, ziehe mir eine kurze Hose an, gehe mit Rudi in den Garten, wo es kalt und windig ist, und schaue in den blauen Himmel. Nichts, keine Flieger, keine Raketen, keine Geräusche – es ist Sonntag, niemand unterwegs. Unerträglicher Frieden – es ist doch gar nicht Frieden – es ist Krieg! Ich gehe hinein, lasse die Tür offen und Rudi draußen und trinke Kaffee vor dem PC. Nachrichten: österreichische, deutsche, amerikanische, Social-Network-Posts – alle ähnlich. Die Wahrheit steckt in den Nuancen, in der Wortwahl, der Betonung, der Bildsprache. Ganz wahr ist nichts davon. Annäherungen. Ich fühle mich nicht in der Lage, die Wahrheit zu filtern. Nicht heute, nicht zu diesem Thema, zumindest noch nicht. Ich arbeite, wie schon die ganze Pandemie über und eigentlich mein ganzes Leben mit zwei Realitäten – einer dunkleren, pessimistischeren, misstrauischeren, und einer operativen Realität, einer Sichtweise auf die Welt und die Dinge, die leichtgläubiger, vertrauensseliger und optimistischer ist. Ich beschließe mich tiefer in dieser Realität zu verankern. Ich kann die Wahrheit, die reine Wahrheit weder kennen noch könnte ich sie vollends begreifen, würde ich sie kennen. Warum sich also nicht in die operative Realität flüchten, dort einnisten und jede gute Nachricht wirklich genießen, und einen Tag lang unseren Politikern glauben und daran glauben, dass es bei all der furchtbaren Zerstörung die Möglichkeit eines guten Ausgangs gibt, dass es eine richtige und falsche Seite gibt (zu meinen Lebzeiten waren die Verhältnisse selten so eindeutig). In diesem Krieg ist es sogar in meiner zur Zeit nicht operativen Realität klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. Nachrichten, runterscrollen, refresh, andere Quelle und von vorn – auf einmal ist es 16 Uhr. Ich hatte eigentlich darüber nachdenken wollen, wie ich helfen kann – von hier. Ganna hat sich immer noch nicht gemeldet. Ich mache mir Sorgen und schreibe ihr. Sie schreibt zurück, wie sie immer schreibt. Das sind ihre Worte, ihre Smileys und die Traurigkeit zwischen den liebevollen Zeilen ist auch ihre. Sie erzählt ein wenig davon, was sie im Krisenzentrum machen, fasst sich aber kurz und ich stochere nicht nach. Sie hat keine Zeit, ist in Eile und ich wünsche ihr viel Erfolg. Jetzt aber muss ich mich endlich ans Helfen machen. Wie also helfen? Zurück zu den Nachrichten. Vielleicht ist ja was Neues passiert. Es passiert die ganze Zeit Neues. Es ist 19:00 Uhr und Ganna ruft mich an und kündigt mir an, mir zu Hause dann vieles erzählen so müssen. Viel verrät sie nicht am Telefon. Sie will es nicht in der U-Bahn sagen, wo fremde Ohren lauschen könnten. Sie sagt nur: „Es ist so blöd.“ Eine halbe Stunde später ist sie daheim und erzählt mir alles, was heute im Krisenzentrum so abgelaufen ist. Konflikt, im Stress und in der Panik, in der Übermüdung und dem unterbewussten Abstecken von Autorität und Verantwortung – Ganna nicht da gewesen am so wichtigen ersten Tag, unterwegs zur Grenze und zurück. Im Kontakt mit dem Krisenzentrum nur übers Telefon und nur mit einer Person, die den Anderen nichts von ihrem Engagement erzählt hat. Wir kennen dich nicht. Warum kommst du hierher und machst Vorschläge und machst Pläne? Kein dauerhafter Zustand Gott sei Dank – aber unangenehm und befremdlich.

Peter Huemer