27. Februar 2022 – Sturmflut
Die Zeit setzt sich wieder in Bewegung. Das ganze Wochenende hat sie still gestanden, weil im Minutentakt Bomben und Raketen in der Ukraine einschlugen und weil die Panik der Freunde und der Schock über die hereinbrechende Realität alles lähmte. Wenn jeder neue Moment schlechte Nachrichten bedeutet, dann bremst sich die Wahrnehmung. Ganna und ich quälten uns lieber durch jeden Moment, durch jede Nachricht, die sie mir vorlas, als dem immer nächsten Moment zu erlauben, den vorangegangen noch zu übertrumpfen. Der nächste Moment kam immer doch – aber Ganna hätte es nicht ertragen, eine Weile nicht auf ihr Handy zu schauen, nur um dann Stunden später von hundert Schreckensmeldungen erschlagen zu werden. Eine nach der anderen, vor allem solange man selbst noch tatenlos zusehen muss. Wir konnten und können keinen Einfluss auf das Ende von Gannas Welt nehmen. Tun was man kann. Wenn wir schon keine russischen Panzer zerstören konnten, keine Bomber abschießen, keine Scharfschützen enttarnen, so setzten wir uns ins Auto, um zu helfen. Aber während man im Auto sitzt und die Nachrichten trotzdem nicht aufhören und man gefangen ist in dem dahinfliegenden Metallkasten, ist man immer noch tatenlos. Wenn man heimgeschickt wird, ohne jemanden mitnehmen zu können, fühlt man sich immer noch tatenlos und dann, wenn man erschöpft ins Bett geht, tut man immer noch nichts. Da darf sich nichts aufstauen. Aber dann ging Ganna ins Krisenzentrum und ich freute mich, dass sie endlich anpacken konnte. Ich hätte auch hinfahren können, aber ich tue es nicht. Ganna will, dass ich auf den Hund aufpasse. Und sie will, dass ich an meinem Schreibtisch sitze und darauf warte, dass sie mir Texte zum Korrigieren schickt. Das tue ich. Das tat ich, als Ganna das erste Mal ins Krisenzentrum fuhr, und das tue ich jetzt. Ich warte und klicke mich durch die Nachrichtenseiten. Mein Hals ist verengt. Ich kann nicht richtig atmen. Ich wippe nervös mit dem Fuß und sitze weit nach vorn gelehnt noch Zentimeter vom Bildschirm. Ich muss die Nachrichten lesen, um ihnen keinen Aufstau zu erlauben. Meine Schultern und Ellbogen schmerzen vom Sitzen und nach vorne lehnen. Am Sonntag genauso wie am Montag. Beide Tage gleichen sich für mich. Vom zweiten Tag im Krisenzentrum kommt Ganna wütend nach Hause. Noch wütender als sie sowieso schon ist – auch wenn man es ihr nur anmerkt, wenn man sie kennt. Sie ruft mich am Heimweg an. „Das ist so blöd! Ich musste mich heute wirklich ärgern!“, sagt sie und nichts mehr am Telefon. Die Leute in der U-Bahn. Daheim: „Ich habe gestern den Karl richtig erpresst, damit er mir hilft, beim ORF ein wenig Sendezeit zu kriegen. Ich hab ihm gesagt, dass er mir in dieser Situation helfen muss und dass er der Ukraine helfen muss. Er muss unserer Stimme Raum geben. Und dann hat er tatsächlich gleich für heute etwas arrangiert. Aber die Frau, die bei uns Pressearbeit machen soll, war nicht zu erreichen. Eigentlich wollte ich mit dem ORF reden, aber die anderen meinten – auf keinen Fall. Sie meinten, dass wir unsere Botschaften genau abgesprochen und geplant haben und dass ich das nicht alles weiß und dass sie nicht wissen, ob ich das kann, und dass sie mir das nicht anvertrauen. Aber ich habe das ausgemacht. Ich habe den Termin schon ausgemacht gehabt, weil ich dachte, dass ich einfach mit ihnen rede. Und dann haben sie angerufen und ich musste ihnen sagen, dass ich nicht mit ihnen reden darf, weil wir das bei uns genau geregelt haben – du weißt schon: damit es wirkt, als seinen wir sehr professionell organisiert – und dann habe ich ihnen die Nummer der Pressefrau gegeben. Aber sie haben sie nicht erreicht und sie waren mir sehr böse, weil ich das schon fix ausgemacht hatte. Dann war auch Karl sehr böse und hat mich am Telefon angeschrien. Er hat gesagt, dass er sich sehr eingesetzt hat, damit ich diese Sendezeit bekomme, und dass er eh schon so unter Druck steht und dass das sehr unprofessionell von uns war. Das ärgert mich so sehr. Das ist so blöd. Aber ich hab einen neuen Termin ausmachen können. Morgen und wenn die Pressefrau wieder nicht erreichbar ist, dann mach ich es selber.“ Sie redet so viel und so schnell wie sonst nie. Ich habe sie noch nie so aufgebraucht erlebt. Nicht laut, nicht brüllend, einfach zitternd, bebend und ich umarme sie und küsse sie auf den Kopf. Ihr Atem verlangsamt sich schnell. „Das wird schon alles passen morgen“, sage ich und sie sagt nichts.
Ganna geht ins Schlafzimmer, um Nachrichten zu schreiben, Nachrichten zu lesen und alles zu tun, was man vom Computer aus tun kann. Ich weiß, dass niemand mehr tun hätte können vom Laptop aus im Schlafzimmer in Wien. Für mich hat sie ein paar kurze Texte zu korrigieren - endlich Aufgaben. Ein Schreiben, dass das Krisenzentrum an irgend eine Organisation schicken will, und einen Facebookpost. Endlich. Endlich etwas machen. Es dauert nur 10 Minuten. Zumindest etwas. Obwohl ich nichts weiter zu tun habe, komme ich erst um 3:00 Uhr ins Bett. Zu schlafen bedeutet, der Zeit ihren Lauf zu lassen. Am PC kann ich mich langweilen und gleichzeitig gestresst sein. Solange man nicht schlafen geht, kann der nächste Tag nicht kommen.