28. Februar 2022 – ein freier Tag
Der erste Arbeitstag seit Beginn des Krieges und wir gehen nicht hin. Ich bin im Homeoffice und Ganna hat keine Nerven fürs Büro. Ich habe am Sonntag für sie angerufen. Zum Glück ist meine Oma die Chefin. Sie sagt, dass Ganna die ganze Woche nicht kommen muss, wenn sie nicht will, und ich gebe das an Ganna weiter. „Nein, morgen geh ich wieder“, sagt sie und ich sage, dass ich definitiv nicht arbeiten gehen würde in ihrer Situation. Sogar in normalen Zeiten (normale Zeiten gab es schon lange nicht mehr) nutze ich jede Möglichkeit, dem Büro fern zu bleiben. So bin ich einfach. Das galt für die Schule, für den Zivildienst, für die Universität – überhaupt alles, was sich wie Pflicht, wie Zwang anfühlt. Ich weiß, dass das keine gute Charaktereigenschaft ist. Aber jetzt ist nicht die Zeit zur Selbstverbesserung. Vielleicht ist gerade jetzt die Zeit dafür – Gedanke vertagt.
Ganna schreibt ihre Thesen nieder. Sie muss immer alles, was sie sagen will, genau ausformulieren, vor allem auf Deutsch. Sie macht sich Sorgen, weil sie immer noch das Gefühl hat, viele Fehler beim Sprechen zu machen. Das stimmt nicht, aber wenn es ihr mit ausführlichen Notizen besser geht, will ich sie nicht davon abhalten. Das Ausformulieren nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich helfe ihr dabei und korrigiere ihre Texte. Nicht, dass sie falsch wären. Ich verfeinere nur manchmal etwas und versuche ihre Rhetorik an ihre Ziele anzupassen. Es sind die Feinheiten der Sprache, die Konnotationen einzelner Worte und die Emotionen, die Satzstellung transportiert. Nie zuvor war das so wichtig. Wenn ich ein Buch schreibe, dann kann mir hin und wieder ein einzelner Satz entkommen. Monate später kann ich das noch korrigieren. Aber hier, jetzt, im Gespräch mit der Presse, in der Rede an die Österreichische Zuschauerschaft und im Kampf gegen russische Lügen, muss alles stimmen. Heute ein Interview mit dem ORF im Krisenzentrum, morgen mit der Wiener Zeitung über Zoom und dann irgendetwas, an das ich mich nicht erinnern kann. Wir sprechen alles durch, segmentieren die Themen und optimieren die Botschaft. Mehr kann ich nicht tun, um zu helfen. Dann geht Ganna fort. Sie wird erst spät am Abend wieder kommen. Rudi und ich bleiben zurück. Rudi weint Ganna durchs Fenster hinterher und ich setze mich auf die Couch – leer, verloren und ratlos. Was tun mit dem freien Montag?
Ich muss meinen neuen Roman umschreiben. Ich meine, ich muss meinen neuen Roman umkonzipieren. Es gibt nur 15 Seiten bis jetzt, also kein allzu großer Verlust. Das Projekt basierte auf einer anderen Welt: Pax Ucraina sollte er heißen, zumindest was das der Arbeitstitel. Ich beschließe, dass das Buch gerade jetzt so heißen muss, aber die ersten 15 Seiten muss ich wegschmeißen oder in einen anderen Kontext stellen, oder was auch immer. So kann es nicht bleiben und die Richtung, die ich damit eingeschlagen hatte, führt jetzt in eine Sackgasse. Mir fällt nichts ein und ich schließe das Word-Dokument. Vielleicht ein anderes Mal. Das Buch einmal ad acta gelegt. Ich habe noch 2 Romane auf Lager, die erst einmal erscheinen müssen. Gerade deshalb arbeite ich im Moment langsam. Es ist vielleicht nicht ratsam, dieses Buch jetzt schreiben zu wollen.
Der Rest des Tages verkommt wieder zum Strudel aus Nachrichtenseiten und Social-Media. Ich warte auf Nachrichten von Ganna. Erst abends meldet sie sich und ich bin erleichtert, als sie erzählt dass alles so halbwegs gut gegangen sei. Sie geht noch ins Medienzentrum: So nennt sie die Wohnung einer Freundin, in der sie sich rund um einen Tisch an ihren Laptops aufreihen, um ihre Botschaften im Internet zu verbreiten und um den Medien zu kommunizieren, Interviews auszumachen, Reden zu schreiben und so sich gegenseitig zu stützen.
Morgen wieder ins Büro, in den Alltag. Die Zeit ist nicht ewig aufzuhalten. Mit diesem Gedanken bleibe ich wach, während ich die verbleibenden Stunden herunterzähle. Drei Stunden Schlaf müssen genügen – für Ganna schon seit Tagen und heute auch für mich.