01. März 2022 - Dauerzustand

Mein Arbeitsplatz ist unaufgeräumt. Genau wie ich ihn am Donnerstag zurückgelassen habe. Der Kaffee in der Tasse ist eingetrocknet, daneben eine Gabel mit ebenso eingetrocknetem Salatdressing daran. Jeden Montag das Gleiche. Ich räume nie mein Geschirr weg. Es liegt einfach da, bis Ganna es irgendwann mitnimmt.

Ich habe ein eigenes Büro, einen abgetrennten Raum von den anderen sechs Leuten, die hier arbeiten. Meine Arbeit hat mit ihrer nichts zu tun und trotzdem fühlt es sich manchmal komisch an, dass mein Büro alleine fast so groß ist wie der Raum, den sich die anderen sechs teilen. Ganna faltet Pläne. Heute 32 Stück. Unglaublich, wie schön sie das macht – kein Knicks, kein Eselsohr, keine falsche Falte. Sie sagt, als wir bei mir unter vier Augen reden, dass sie heute kaum etwas weiterbringt. Die Pläne falten, ja, das ist gedankenlose Arbeit, aber sie müsste eigentlich auch Angebote vorbereiten, und das schafft sie nicht. Ich sage ihr, dass es schon toll ist, dass sie überhaupt hier ist. „Ich muss ja", sagt sie, obwohl sie nicht muss. „Ich kann ja nicht einfach alles stehen und liegen lassen“, sagt sie, obwohl ich finde, dass sie das schon könnte. Sie sagt es so einfach, sagt, dass sie im Büro arbeiten wird, ihre Pflicht tun und dann jeden Tag im Krisenzentrum das Gleiche – ihre Pflicht tun – und dann daheim vom Schlafzimmer aus weiter und immer weiter. Ich verstehe, dass nach diesen ersten Tagen in ihr die Erkenntnis eingekehrt ist, dass dieser Krieg nicht nach einer Woche vorüber sein wird.

Am Abend sagt sie zu mir etwas, das sie mir eigentlich schon während unserer langen Fahrt einmal gesagt hat – es passiert so viel, dass sie das vergessen hat. „Ich bin in dem gleichen Modus, wie damals auf dem Maidan. Actionmodus. Ich tue, was zu tun ist, ich helfe, wo zu helfen ist, weil ich weiß, worum es geht und dass es nun einmal notwendig ist, diesen Kampf zu führen – so gut es geht. Und ich führe ihn mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Mein Körper macht fast alles am Tag automatisch – ich muss nicht so viel schlafen wie sonst. Ich bin müde, aber es geht trotzdem.“ Ich bin so unheimlich stolz auf sie. Ich sage es ihr oft genug, aber ich weiß nicht, ob die Nachricht immer ankommt. Sie fragt sich viel zu oft, ob sie denn genug macht. Ich sage ihr, dass es genug ist, aber ich glaube, sie glaubt mir nicht.  

Nach der Arbeit hat sie ein Zoom-Meeting und dann ein Zoom-Interview, und jemand hat angekündigt, ihr eine Rede zu schicken, die es zu korrigieren gilt. Man wir die Rede auf Ukrainisch verfassen, schnell in den Google-Übersetzer stecken und das Ergebnis an uns schicken. Das wird meine Aufgabe sein – den Inhalt intakt zu lassen und doch zu transformieren, sodass er sich so anhört, als wäre er schon immer auf Deutsch formuliert gewesen. Der Botschafter soll diese Rede am Abend bei der Demonstration verlesen. Wir gehen diesmal nicht hin. Zu viel zu tun. Dort sind wir nur zwei weitere Köpfe in der Menschenmenge. Obwohl jeder Mensch auf der Straße ein wichtiger Teil des Protestmosaiks ist, haben wir Anderes zu tun. Um 18 Uhr soll die Rede gehalten werden und ich bekomme den Text um 17:47 zugeschickt. In 10 Minuten geht sich nicht viel aus. Ich kann in so kurzer Zeit kein rhetorisches Kunstwerk schaffen. Also stelle ich nur die Sätze richtig, wechsle ein paar Vokabeln aus und schicke den Text zurück. Man wird ihn direkt vom Handy ablesen. Zu spät zum Ausdrucken. Der Redner steht schon auf der Bühne. Ich hoffe, ich habe keinen Fehler gemacht. Ich bin kein Meister der Rechtschreibung und Beistrichsetzung. Es kommen nach der Demonstration keine Beschwerden. Die Rede:

Herbert Kickl, ein österreichischer Politiker der FPÖ, sagte am 26. Februar in einer Rede an das österreichische Volk auf Facebook, dass es wichtig sei, für eine sachliche Lösung beide Seiten in dem Konflikt zu berücksichtigen, und verwies auf die historische Rolle Österreichs als Vermittler. Österreich sollte sich in diesem Konflikt sozusagen nicht auf eine Seite stellen, sondern als Vermittler helfen. Aber die einzige Hilfe, die uns die Länder der Europäischen Union und der NATO in Form von Sanktionen leisten können, sollte nicht gewährt werden, weil dies nur zum Nutzen einiger Länder geschehe.

Dabei nennen die Politiker*innen die Aggression der Russischen Föderation immer noch einen "Konflikt"? Gibt es nach 6 Tagen erbitterter und brutaler Aktionen gegen das ukrainische Volk immer noch Zweifel daran, dass sich der Name "Konflikt" längst erschöpft hat und zu einem rücksichtslosen Krieg geworden ist?

Wir möchten die schrecklichen Ereignisse dieses Morgens in Charkiw teilen, das von Marschflugkörpern getroffen wurde, die auf dem “Platz der Freiheit” einschlugen, wo es keine militärischen Ziele gab. Dutzende Opfer, darunter ein Student aus Indien (was vom indischen Außenministerium bestätigt wurde) - das ist der Preis für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine. Seit 6 Tagen wachen wir mit Nachrichten dieser Art jeden Morgen auf. Die heutigen Ereignisse in Charkiw sind nicht nur Terror gegen eine Stadt, es ist Terror gegen die ganze demokratische Welt.

Es ist kein Geheimnis, dass die Folgen des Zweiten Weltkriegs die moderne Welt bis heute beeinflussen. Deshalb haben die Demokratien im letzten Jahrhundert unglaubliche Anstrengungen unternommen, um zu verhindern, dass sich diese Katastrophe wiederholt. Zahlreiche Verbände und tausende Diplomaten kämpfen für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Frieden unter den Völkern der Welt. In dieser Zeit ist es wichtig, nicht zu schweigen, die Neutralität zu vergessen und unterstützende Worte zu sprechen, damit die jahrzehntelange Arbeit dieser Menschen nicht umsonst war.

Die Ukraine bittet nicht darum, für sie zu "kämpfen", die Ukraine bittet darum, mit ihr zu kämpfen. Möge die Welt für eine ehrliche Demokratie kämpfen und nicht für falsche Worte auf Papier. Kämpfen Sie für das Recht freier Rede, damit die Menschen keine Angst haben müssen, ihre Meinung zu äußern. Das Volk regiert den Staat, das Volk regiert die Regierung, nicht die Regierung sollte das Volk regieren und Propaganda zu ihrem eigenen Vorteil erzeugen.

Deshalb bitten wir Sie zu verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt! Wir lernen aus unseren Fehlern, deshalb schreiben wir Geschichte. Wir wissen, dass die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher unsere Meinung teilt.

Wir bitten Sie, mit uns zu kämpfen, aber nicht an der Front, sondern hier. Verbreitung wahrheitsgetreuer Informationen über die Situation in der Ukraine. Suchen Sie nur nach vertrauenswürdigen Nachrichtenquellen, die Ihnen helfen, Ihre Augen zu öffnen, anstatt Ihnen den Blick zu vernebeln!

Wir müssen gewinnen, denn wir wollen nicht, dass jeder Soldat oder Bürger, der für die Wahrheit gestorben ist, in Vergessenheit gerät!

Alles begann im Jahr 2014, als wir einfach nur ein Teil Europas sein und mit Ihnen wachsen wollten!

Wir fordern die Mitglieder des Nationalrates der Freiheitlichen Partei Österreichs auf, auf Putins kriminell-terroristische Aggression zu reagieren und sie als das anzuerkennen, was sie ist – als Terrorismus!

Eine gute Rede für eine Demonstration. Akzeptabel zumindest. Ich mache mir Sorgen, dass man nicht immer den richtigen Ton trifft. Nichts Schlimmes – nur Kleinigkeiten. Man könnte es noch besser machen. Ich weiß nicht genau was. Und vielleicht ist es arrogant von mir sowas zu denken. Ich denke es trotzdem.

Ganna gibt mir einen Kuss, als ich ins Bett komme, und bedankt sich, dass ich so viel für sie und für Ukraine tue. Ich fühle mich wie ein Betrüger. Ich tue doch gar nichts. Ich sollte meine Sachen packen – die nötigsten und in den Krieg ziehen. Ich tue es nicht. Das kommt gar nicht in Frage. So ehrlich bin ich. Scheiße! Scheiße Scheiße! Ich tue doch gar nichts.

Peter Huemer