Juni 2022 – Schwächeanfall/Selbstzerstörung (UKR)

Seit etwas über 100 Tagen dauert der Krieg in der Ukraine schon an. Die Kriegsberichterstattung ist furchtbarer Alltag geworden und die Details verschwimmen, sind bereits verschwommen. Gleichzeitig gleichen sich die Berichte – die Ukraine fordert mehr schwere Waffen, Land XY verspricht sie, Land XY verteidigt sich gegen die Vorwürfe nicht schnell genug zu liefern, die Ukraine fordert mehr schwere Waffen, Deutschlands Kanzler verspricht sie und dämpft im gleichen Satz die Erwartungen, die USA versprechen weitere Milliarden, Putin verspottet den Westen, China macht was China macht und reibt sich dabei die Hände, die Ukraine spricht von schweren Kämpfen im Osten und beschreibt die Situation als schwierig, die Russen machen kleinere Fortschritten, die Ukraine fordert mehr schwere Waffen, ein osteuropäisches Land liefert Artillerie, in Deutschland mühlt die Bürokratie und alles noch einmal von vorn.

Dabei sterben die Menschen und mir wird schwindelig bei der Spirale, die mich an die täglichen Evidenzzahlenkaskaden der vergangenen Jahre denken lässt. Langsam schleichen auch die sich wieder ein, aber ich höre ihnen nicht zu, lese sie nicht und trage meine Maske nur noch wenn ich muss. Es tut mir auch gar nicht leid, dass ich so handle, obwohl mir dabei ein unbestimmter Schmerz im Nacken sitzt. Die Lage ist schlecht und niemand scheint wirklich helfen zu wollen, niemand scheint sich zu trauen. Die Länder werfen dem Blutenden Messer vor die Füße. Oder so – irgendeine Metapher für unterlassene Hilfeleistung. Dabei sagen alle – sagen alle zurückhaltenden, all jene, die sich brüsten, vernünftig zu sein, die sich brüsten, doch nur das Beste zu wollen, – man tue eh schon so viel, mehr als je zuvor. Dabei findet sich kein Vergleich, der dieses mehr als je zuvor glaubwürdig erscheinen ließe.

Es ist dies unsere Schwäche, diese Furcht vor dem Handeln, die mich frustriert. Ich verstehe jedes Argument und unrecht hat man nicht, solange man sich im Rahmen des großen träge wälzenden Status Quo der repräsentativen Demokratie bewegt. In der grauen Suppe – dem beschworenen und gelebten Ende der Geschichte. Es ist wie es ist und so wird es bleiben: im Westen. Wenn die anderen kämpfen, wenn sie sterben oder morden, dann schütteln wir den Kopf und vernageln die Fenster, weil wir unser Paradies gefunden haben. Kein Fortschritt – Reformen. Und so fordern wir Reformen. Unsere Barmherzigkeit hängt davon ab. Ich seufze vor diesen Zeilen. Meine Lunge ist leer und ich habe keine Lust, mich noch tiefer in sie hineinzustürzen. Kein Argument, das nicht schon geäußert worden wäre. Die Zögernden werden sich nicht überzeugen lassen und die Stürmenden werden nicht aufhören zu fordern. Und keine der beiden Seiten wird Gehör finden, denn ich glaube nicht, dass es auch nur einen einzigen Entscheidungsträger einen feuchten Dreck interessiert, was Schriftsteller, was Kolumnisten, was Aktivisten, was Politikwissenschaftler, was irgendjemand schreibt oder sagt. Der Plan ist der Plan ist der Plan ist der Plan und der Plan ist weiter so. Der Krieg, der Überlebenskampf ist ein Störfaktor und den WählerInnen gegenüber will zurückhaltender Aktionismus gezeigt werden. Man tut ja nicht nichts – man tut mehr als je zuvor. Nur eben nicht was notwendig ist. Das Problem will ja nicht gelöst werden. Es will umschifft werden. Ich muss niemandem sagen, was meiner Meinung nach notwendig wäre. Ich will nicht einmal behaupten es genau zu wissen. Und ich will auch nicht mehr auf die tauben Ohren der Weltpolitik einbrüllen. Das tue ich auch gar nicht – habe ich nie getan. Ich brülle in eine Halle hinein, spärlich bestuhlt. Dort sitzen zwanzig Leute und klatschen verzagt. Ich danke ihnen ebenso verzagt und mache die Bühne frei, wo eine Ärzteband einen ganz anderen Untergang besingen wird, bevor sie wiederum einem Comedian Platz macht, der zumindest versucht, das Publikum einen Moment lang abzulenken. Ein wahrer Held. Was der verbringt, bringe ich nicht übers Herz. Ich bin ihm Dankbar. Hinten im Raum, hinter den Stühlen vereinzelte Buhrufe. Ich schäme mich für sie und ziehe mich zurück. Daheim rotiert das Nachrichtenrad und ich muss mich hinlegen, um nicht zu kotzen.

Ich würde Ihnen gerne alles erzählen, aber ich kann nicht. Also erzähle ich davon, dass ich in letzter Zeit schlecht einschlafen kann. Ich bleibe auch an Arbeitstagen bis in die frühen Morgenstunden wach und versuche so oft wie möglich im Homeoffice zu arbeiten. Ich bin viel produktiver, wenn ich nicht im Halbschlaf eine Stunde durch Wien fahre, nur um dann 30 Minuten handlungsunfähig im Büro über einer Tasse Kaffee zu dösen. Ich erzähle Ihnen, dass mein Auto kaputt ist und ich ein neues kaufen werde – ich brauch es. Nein, das ist gelogen: ich will es. Ich will ein Auto. Ich will mich zumindest so fühlen, als könne ich jederzeit irgendwo hinfahren, unabhängig vom Zeitplan der anderen. Ich fahre nie irgendwo hin. Aber ich könnte – glaube ich zumindest. Ich kaufe kein neues Auto. Das kann ich mir nicht leisten. Ich kaufe ein altes Auto, dass sich dann neu in meinem Besitz befindet. Das kann ich mir gerade so leisten. Ich erzähle Ihnen, dass Ganna und ich einen Bericht aus dem Englischen ins Deutsche und ins Russische übersetzt haben. Dieser Bericht befasst sich mit der Zuordnung staatlicher Verantwortung für die in der Ukraine durch russische Truppen begangenen Kriegsverbrechen. Wir hatten viel zu wenig Zeit für die Übersetzung und trotzdem bin ich äußerst stolz auf das Ergebnis. Gleichzeitig stürzte mich dieser Bericht in eine kurze Depression (vielleicht sollte ich es nicht so nennen – Depression. Aber ich finde kein besseres Wort dafür). Darin war von den Pflichten der Staaten die Rede, von ihrer Verpflichtung gemäß internationalem Recht. Alles wurde darin erklärt und akribisch anhand von Quellen bekräftigt. Die Staaten, alle Staaten, scheißen auf ihre Verpflichtungen, wenn´s hart auf hart kommt. Das wusste ich. Aber es zu lesen, zu lesen, was alles in Verträgen und Abkommen festgeschrieben ist und wie genau für jede Situation vorgesorgt wurde, erschüttert einen doch. Ein Gesetz, von dem jeder weiß, dass es nicht durchgesetzt wird, hat noch keinen Verbrecher aufgehalten zu tun, was er wollte, wenn er es wirklich wollte. Zwischen den Staaten scheint auch niemand den Wunsch zu verspüren, Verbrechen zu verhüten oder zu bestrafen, obwohl man es müsste. So steht es geschrieben, so wurde es unterzeichnet, so wurde es ratifiziert und immer wieder wird davon gesprochen (von internationalem Recht), als wäre es im Härtefall mehr wert als Papier, mit dem sich die Staatschefs ihren Arsch abwischen.

Es gibt nichts mehr zu erzählen. Zumindest habe ich keine Lust mehr. Ich fühle mich schwach und deshalb lege ich mich hin und denke über unseren Erstickungstod nach.

Peter Huemer