Juli 2022 - Schluckbeschwerden
Heute mussten sich die letzten ukrainischen Truppen aus Luhansk zurückziehen. Man hätte zwar noch Zentimeter um Zentimeter jede einzelne Straße verteidigen können, hätte damit aber riskiert, eingeschlossen zu werden. To fight another day, I guess. Ein kleiner Sieg für die russischen Soldaten, aber ein großer Sieg für die Propaganda. Luhansk sei befreit! – sagt Russland. Luhansk sei verloren – sagen die Ukrainer nicht. Im festen Glauben, jedes Stück überfallenen Bodens zurück zu gewinnen, kommt es gar nicht in Frage, so etwas zu sagen. Aber es tut weh. Jede Stadt, die in feindliche Hände fällt, ist schmerzhaft. Sie irgendwann beschießen zu müssen, sich ins eigene Fleisch zu schneiden ist schmerzhaft. Und gleichzeitig hilft es nichts. Aller Schmerz und aller Wille nicht mehr kämpfen, nicht mehr töten zu müssen hilft nichts. Es gibt Frieden, wenn alle Frieden wollen – Krieg, wenn einer Krieg will oder wenn einer auf sein Recht auf Unrecht besteht. Und Unrecht ist, was Russland verlangt. Und jeder solcher Erfolg lässt es so manchen KünstlerInnen, PhilosophInnen oder AktivistInnen in den Fingern jucken: Die Feder fliegt übers Papier und schnell ist ein neuer Brief geschrieben – ein Brief an niemanden eigentlich, am ehesten an einen selbst, um sich seiner moralischen Überlegenheit und weltmännischen Weitsicht zu vergewissern. „Waffenstillstand“, sagen sie. Wozu noch kämpfen? Wozu das Leid verlängern? Lasst die Waffen schweigen, seid die Guten und vertraut auf das Gute, das Vernünftige im Feind. Ja, ich sage Feind! Feind, weil wer auf einen schießt, wer einem Stücke aus dem Leib reißt, ein Feind ist. Also Waffenstillstand! Irgendwann wird der Feind schon satt sein. Irgendwas kann man ihm schon geben, damit er Ruhe gibt: einen Arm, ein Bein, ein Herz. Bitte nicht schießen! Ich habe Land! Nimm, hier bitte nimm, lass dafür den Rest in Ruh. Hier, nimm meinen Arm, mein Bein, mein Herz. Sie sagen es, als ob man weder Arm noch Bein noch Herz wirklich bräuchte, und als ob es Gier wäre, sie behalten zu wollen. Augenzwinkernd suggerieren die Leerstellen zwischen den Zeilen, dass einem Arm und Bein und Herz doch eh nicht unbedingt gehören. Der Feind will sie doch so gerne haben. Warum teilst du nicht mit ihm? Sei doch lieb und wehr dich nicht. Er hat doch gar nichts gegen dich! Er will nur, was du hast. Und wenn er es hat, dann darfst du in Ruhe weitermachen. Er hasst dich doch nicht und alles, was dich ausmacht. Er will doch nur den Boden, den Grund. Man sollte zumindest drüber reden. Die Feder ist mächtiger als das Schwert! Das Wort ist mächtiger als die Waffe, sagen sie und entlarven ihre blanke nebelnde Furcht (ich verdenke es ihnen nicht), die sie als Pazifismus tarnen. Sagt doch einfach: Ich fürchte mich. Ich habe Angst, dass die Welt untergeht. Ich habe Angst, dass die Raketen irgendwann mich treffen. Ich habe Angst, dass ich mir meinen Urlaub nicht mehr leisten kann. Ich habe Angst, dass ich mir das Heizen nicht mehr leisten kann. Ich habe Angst, dass ich mir mein Haus nicht mehr leisten kann. Ich habe Angst, dass ich mir das Auto nicht mehr leisten kann. Ich habe Angst, dass ich mir das Essen nicht mehr leisten kann. Sagt es! Seit doch ehrlich. Niemand will euch in Armut sehen. Und niemand will euch im Bombenhagel sterben sehen. Ich will auch nicht arm sein. Ich will auch nicht, dass die Welt untergeht. Diese scheußliche Welt – ich will sie behalten, will sie bewohnen und will sie verbessern. Aber ich will sie nicht in den Händen von Tyrannen sehen. Nicht, dass es hier bei uns perfekt wäre. Nicht, dass in unseren Politikern nicht auch kleine Diktatoren schlummerten. Nicht, dass wir selbst in der Vergangenheit nicht ebenso (die schlimmsten) Mörder gewesen wären. Nicht, dass unser System, unsere repräsentative Demokratie und unsere freie Marktwirtschaft nicht an allen Ecken und Enden gerne ein wenig an der Freiheit nagten. Darüber muss man reden. Daran muss man arbeiten. Aber es gibt kein „dran arbeiten“ oder „drüber reden“ mit Tyrannen, mit Eroberern, mit Mördern. Um zu leben und die Welt zu verbessern, kann man nicht am eigenen Gartenzaun halt machen, die Augen schließen und die Nachbarn bitten, doch bitte nicht so laut zu sein. Bitte lasst den Einbrecher doch nehmen, was er will, sonst kommt er noch auf die Idee, mein Grundstück zu betreten, oder vielleicht erschießt er mich auf der Flucht. Ich weiß, nicht alle meine Analogien funktionieren. Ich weiß, man kann das Ganze nicht auf ein polemisches Gleichnis herunterbrechen. Ich weiß das. Ich weiß. Es tut mir auch leid. Aber bitte hört auf, so selbstherrlich zu fordern.
Am Tag, als Russland die „Befreiung“ Mariupols als vollendet ausrief, während noch tausende ukrainische Verteidiger im Stahlwerk ausharrten, entfernten die Besatzer eine große Tafel an der Stadteinfahrt: „Маріуполь“ und ersetzten sie durch „Мариуполь“. Ein Buchstabe Unterschied. So sehr verachten sie das Ukrainische. Alles, auch das Geld. Der Rubel rollt nach Cherson. Die Lehrpläne werden ausgehöhlt und mit der Essenz der „mysteriösen“ vergifteten russischen Seele befüllt: Alle Welt ist gegen uns. Wir tun schlimme Dinge, weil wir müssen, weil man uns zwingt und eigentlich sind es gar keine schlimmen Dinge und eigentlich haben wir auch gar nichts getan. Wir befreien die Ukraine, die es gar nicht gibt. Wir löschen ihre unechte Sprache aus und ihr unechtes Geld ist nichts mehr wert und ihre unechte Geschichte wird ersetzt, damit niemand Zeit damit verschwendet. Dann gibt es Frieden. Wenn alle anderen endlich Ruhe geben – russischer Frieden in unserer russischen Welt.
Das beginnt mit einem Buchstaben. Sie hassen diesen Buchstaben und wofür er steht – і hier das Gegenteil von Z. Und es ist dieses Z, dass die russische Seele vergiftet hat. Es ist aus ihr selbst entstanden, eine Pervertierung ihrer selbst. Es ist in ihr und aus ihr gewachsen und macht sie heute krank. Irgendwann vielleicht wird sie sich davon befreien, wird in sich selbst lesen, sich selbst heilen, wird die Kraft finden, die Weltenmörder zu verbannen und sich mit ihrer eigenen Schuld zu konfrontieren. Hoffentlich kommt der Tag, da sie nicht mehr selbstgewählt Feind ist. Hoffentlich kommt der Tag, da der Rote Platz aus allen Nähten platzt, wochenlang aus allen Nähten platzt, die Menschen den Kugeln und den Schlägen der Polizei trotzen, Frieden und Demut verlangen und sich ihre Seele und das Bestimmungsrecht über selbige wiederholen. Aber leider ist dieser Tag nicht heute.
Also geben wir Ruhe und lassen die Mörder ihre russische Welt errichten, lassen sie sie auf den Leichen und Ruinen der ukrainischen errichten und erklären der Ukraine, dass es so am besten ist oder wir halten stand. Wir riskieren zu frieren und ein Stück ärmer zu werden, wir vertrauen unseren gewählten Staatenlenkern, dass sie die Schwächsten unter uns, die es sich nicht leisten können, noch ärmer zu sein, am Leben halten (eine Utopie, ich weiß – wir werden sie dazu zwingen müssen) und arbeiten gemeinsam für eine Welt, in der auch die Ukraine und alle anderen Staaten dieser Erde sich ihrer eigenen Grenze, ihrer eigenen kulturellen Identität (diese leben und mit der Welt teilen können!) und ihrer eigenen Freiheit sicher sein können. Ich tendiere zu zweiterem. Eine große Forderung, ich weiß. Ich wünschte, ich müsste es nicht fordern (müsste nicht gegenfordern). Ich wünschte, es gäbe keine Tyrannen, die alles wollen, alles und noch mehr. Ich wünschte, man müsste niemandem Waffen liefern. Ich wünschte, niemand müsste frieren, niemand müsste Opfer bringen (es sind immer die, denen es am schwersten fällt, die es trifft) und ich wünschte, wir müssten uns über das alles gar keine Gedanken machen. Ich weiß nicht, was es braucht, dass dem so wird. Darüber muss man reden. Daran muss man arbeiten. Noch ist es nicht so weit. Und noch sprechen die Waffen – ob wir wollen oder nicht.