Kein Datum - immer weiter
500 Tage, lange aufgehört zu zählen, auch diese Zahl bloß grob geschätzt - was bringt es genau, nachzurechnen? Vor 11 Monaten schrieb ich den letzten Eintrag dieser Chronik, als ob der Krieg enden müsste, wenn ich aufhöre, darüber zu schreiben. Natürlich ist das nicht so und dieser Gedanke kam mir damals gar nicht. Überhaupt war es keine bewusste Entscheidung: Immer wenn ich schreiben wollte, überholten mich die Ereignisse und das Leben und die Pflichten und alles, immer zu viel, selbst für mich in meiner österreichischen Geborgenheit. Aber die schriftlich angehaltene Zeit staut sich schon zu lange. Hier Worte, zusammengeflickt aus den Gedanken des vergangenen Jahres. Kein Datum.
Dies ist kein News-Update, war niemals als bloße Sammlung von Langformkommentaren zu aktuellen Vorkommnissen gedacht und genauso wenig erscheint es mir sinnvoll, rückwirkend Textwände zu den Entwicklungen seit Juli 22 zu verfassen - ihr wisst, was passiert ist, und dennoch…
Im Juli 22 ging es noch um Waffen, um verfehlten Pazifismus und damit einhergehend hinter vorgetäuschtem Pazifismus verborgene Abgründe der Unmenschlichkeit. Es ging darum, standzuhalten, der Übermacht an Geschossen und Soldaten und es ging darum, ob wir, der unförmig undefinierte Westen, an die Ukraine und ihre Chancen glaubten (grausames Kalkül). Obwohl sich die Gespräche immer noch im Kern um die gleichen Fragen drehen, hat sich dennoch vieles gewandelt - das Licht ist ein anderes, die Erwartungen und Hoffnungen. Jetzt, im Juli 23, beim Gedanken an die zu behandelnden Themen sieht mein Notizblatt jenem von 2022 ähnlich - Waffen, Gegenoffensive, Kriegsverbrechen, Atomkraftwerke, menschenfeindliche Zwischenrufe, unerschütterliche Entschlossenheit, dünn verhüllte Selbstsucht, Propaganda, Tod und die Welt ist immer noch nicht vollends bereit zu tun was notwendig ist um der Ukraine ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit, ihre Identität und Zukunft zu sichern. Alles gleich und doch nicht das Gleiche: Die Rückeroberung der Charkiw Region, die Rückeroberung von Cherson, die monatelange Schlacht um Bachmut, die monatelangen Raketenangriffe auf zivile Infrastruktur, der kurzlebige Aufstand der Wagner Sölder, die Risse im russischen Schein und eine neue, zähe Gegenoffensive. Das Kräfteverhältnis ist heute ein anderes und trotzdem dauert der Krieg an - Sturheit, Hass, sunk cost, Größenwahn. Klarer als je zuvor ist heute, was die Ukrainer schon lange wussten: Dieser Feind muss niedergerungen werden, lässt nicht mit sich reden, versteht nur Gewalt oder Unterwerfung. Was kann man gegen solch rücksichtslosen Hass tun, als zu kämpfen und bis dieser Kampf gewonnen ist, werden sich die Themen wiederholen, die Nachrichten gleichen und die Einträge kein Datum mehr tragen. Immer weiter - die Ukraine hält stand.