off/on Topic - Verantwortung 2 - der schmale Grat
Zum Tag 4.1.2024 - ein weiterer Ausschnitt der Frage (english version below)
Als ich zuletzt über politische Verantwortung schrieb, war mein Anlass ein besonders ungünstiger Wahlausgang in Übersee und ich plädierte dafür, dass vor allem Bürger mächtiger Nationen sich ihrer über das Eigene hinausgehenden Verantwortung bewusst werden. Eine grobe Vereinfachung einer groben Vereinfachung. Im selben Text sprach ich zwar meine eigenen Mitbürger nicht von jeder dahingehenden Verantwortung frei, stellte aber fest, dass sich der Effekt, den unsere Wahlen auf die internationale Ordnung haben, eher in Grenzen hält. Obwohl ich das immer noch so sehe, heißt das nicht, dass unsere Wahlausgänge für die Welt irrelevant sind - und schon gar nicht für uns selbst. Wir sind Teil des Balanceaktes auf dem schmalen Grat der Demokratie und während immer mehr Länder über den rechten oder linken Rand kippen, gilt es zu vermeiden, ihnen in die Tiefe zu folgen. Und darum geht es hier. Nicht so sehr über das Wahlverhalten, sondern das Gewähltwerdenverhalten. Österreich hat gewählt und die Mehrheit hat eine Entscheidung getroffen - 70 Prozent wünschen sich noch eine Weile länger am Grat zu tanzen. Vermutlich will auch ein Großteil der übrigen 30 Prozent nicht abstürzen, hält aber gleichzeitig die Gefahren, die der Steilhang birgt, für überschätzt. Wenn erst einmal genug der (ihrer Meinung nach) Richtigen unten angekommen ist, ergibt sich ein fleischig weiches Bett, um darauf zu landen. Eigentlich handelt es sich um ein “The Box” Szenario: Drück den Knopf und erhalte 1 Millionen Dollar. Dafür stirbt irgendwo ein Mensch, den du nicht kennst. Der nächste drückt den Knopf und du bist in der unglücklichen Situation, ihn nicht zu kennen. Die von den 70 Prozent gewählten Parteien haben nun leider gezeigt, wie wenig sie vom Wählerwunsch halten. Und sie haben gezeigt, dass sie nicht dazu in der Lage sind, Prioritäten einzuschätzen. Laut eigener Aussage erscheint es ihnen nicht wichtig genug, “bloß” Unheil abzuwenden. Sie gefährden den Tanz, weil ihnen die Musik nicht immer gefällt, weil sie lieber Walzer statt Foxtrott tanzen würden, weil das Gegenüber ein farblich unpassendes Kleid trägt. Lieber schubsen sie einander, steigen einander rachsüchtig auf die Füße, streiten darüber, wer über den Grat führen darf, als sich schmerzhaft zu harmonisieren. Wenn es nicht nach mir geht, dann stoße ich uns alle in den Abgrund. Vor der Frage, welche Gefahren drohen, ducken sie sich weg, flüchten sich in Details, die zwar, in die richtigen Worte gehüllt, allesamt als existentiell durchgehen mögen, und deren Einfluss auf das Leben der Wählerschaft nicht zu leugnen ist, aber tragischerweise dennoch vom Ende der Zukunft, der großen Umkehr, überragt werden. Das mag sich überhöht anhören, mag nach Alarmismus klingen und für viele bis zu einem gewissen Grad arrogant sein. Der Pathos ist jedoch notwendig, denn hinter jenen Themen, die alltagspolitisch hin und her geschoben werden, über die man diskutieren kann, bei denen man in einer Demokratie zu Kompromissen gegen den eigenen Verstand und die eigene Moral bereit sein muss, Dingen, die ruiniert und wieder repariert werden können, ohne das Ende der Welt heraufzubeschwören, verbirgt sich eine heranschwingende Abrissbirne. Zurück soll es gehen, in eine Zeit, als es all diese Unterschiede des modernen Lebens nicht gab, als alle gleich und gleichgeschaltet waren und dann weiter zurück, als alles schwarz und weiß, alles dazwischen ausgelöscht war, und dann weiter zurück in eine Zeit, in der es nur logisch war, sich stets mit dem Stärkeren, dem Gewaltätigeren zu solidarisieren, weil man es für natürlich und gut hielt, dass Strafe auf jeden Widerstand folgt. Die Krone dem Tyrannen auf dass er auch unser Tyrann werde. Und dann dem nächsten und dem nächsten und irgendwann vielleicht dann mir - wenn ich der Stärkste bin oder zu den Stärksten gehöre. Eine zynische Politik vermeintlicher Naturgesetze. Die Wichtigkeit eines Zukunftsgewandten Denkens und Handelns, nicht nur im Wahlkampf davon zu predigen, haben die Gewählten nicht verstanden. Sie reden über das Budget, über Steuern, über Infrastruktur und den Arbeitsmarkt und weigern sich dennoch auf die Granate zu springen, die das Fundament all dieser Dinge, das Fundament, das all diesen Dingen erst erlaubt, wichtig zu sein, zu erschüttern droht. Und im Angesicht der drohenden Explosion versuchen sie uns zu erzählen, dass andere Probleme drängender sind: Sie wollen zuerst die Küche aufräumen, bevor sie sich um das Feuer im Dachstuhl kümmern. Für das Feuer sehen sie sich nicht verantwortlich - man spürt es doch noch gar nicht.
4.1.2025: On the topic of the austrian coalition talks - the narrow ridge
When last I wrote about political responsibility, the occasion was an especially unfavorable election result overseas, and I pleaded that citizens of powerful nations in particular should become more aware of their responsibility beyond their own interest. A gross oversimplification of a gross oversimplification. In the same text, I argued, while not absolving my fellow citizens of any such responsibility, that the effect our elections have on the international order is rather limited. Although I still see it that way, that doesn't mean that our election outcomes are irrelevant to the world – and certainly not to ourselves. We are part of the great balancing act on top of the narrow ridge of democracy, and while more and more countries are tipping over to the right or left edge, we must avoid following them into the depths. And that is what this text is also about. But not so much about voting behavior, but rather about the behavior of those being voted for. Austria has voted and the majority has made a decision – 70 percent want to continue dancing on the edge for a while longer. Presumably, a large proportion of the remaining 30 percent also does not want to fall, but at the same time consider the dangers of the steep slope to be overestimated. Once enough of the (in their opinion) right people have arrived at the bottom, there is a soft bed to land on. In reality, it's a “The Box” scenario: push the button and get $ 1 million. In exchange, a person you don't know dies somewhere. The next person presses the button and you are in the unfortunate situation of not knowing them. Unfortunately, the parties voted in by the 70 percent have now shown how little they think of the voters' wishes. And they have shown that they are not able to correctly assess priorities. According to their own statements, “merely” averting disaster does not seem important enough to them. They endanger the dance because they don't always like the music, because they would rather dance the waltz than the foxtrot, because the person across from them is wearing an unsuitable dress. They would rather push each other, vengefully step on each other's feet, argue about who is allowed to lead across the dance floor, than painfully harmonize. If it doesn't go my way, I'll push us all into the abyss. When it comes to the question of what dangers are looming, they duck away, fleeing into details that, wrapped in the right words, may all pass as existential, and whose influence on the lives of the electorate cannot be denied, but which are tragically nevertheless overshadowed by the end of the future, the great reversal. This may sound exaggerated, may sound alarmist and to many to a certain degree arrogant. However, the pathos is necessary because behind those issues, which are pushed back and forth in everyday politics, which can be discussed, where in a democracy one must be willing to compromise against one's own pride and one's own morals, things that can be ruined and repaired again without bringing about the end of the world, is a wrecking ball swinging ever closer. It is swinging towards a time when there were none of these annoying diversities of modern life, when everyone was equal and in line, and then further back, when everything was black and white, because everything in between had been wiped out, and then further back towards a time when it was only logical to always side with the stronger, the more violent, because it was considered natural and good that punishment follows every act of resistance. A crown for the tyrant so that he can become our tyrant also! And then the crown passes to the next and the next and maybe one day to me – if I am the strongest or with the strongest. A cynical policy in furtherance of supposed laws of nature. The importance of forward-looking thinking and action directed towards a worthwhile future for all, not just preaching about it in the election campaign, has not been understood by those elected. They talk about the budget, about taxes, about infrastructure and the labor market and still refuse to jump on the grenade that threatens to shake the foundation of all these things, the foundation that allows all these things to be important in the first place. And in the face of the impending explosion, they try to tell us that other problems are more pressing: They want to clean up the kitchen first before dealing with the fire in the attic. They don't feel responsible for the fire – you can't even feel it yet.